Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger

Als Panini diesen Titel angekündigt hat, hatte ich mich zunächst gefragt, ob ich ihn wirklich lesen möchte. Schließlich bin ich als jemand, der in 1965 geboren ist, mit Nachrichten über den Nahost Konflikt aufgewachsen. Außerdem war der Vater des Nachbarjungen Professor für Theologie an der Uni Marburg und als solcher auch zu Krisenzeiten öfter zu Ausgrabungen in Israel. Hin und wieder hat er darüber erzählt.
Doch gerade eben aus diesen Gründen und weil der Nahost Konflikt nicht wirklich an Aktualität verloren hat, überwog bei mir die Neugier.

Neugier war auch für Sarah Glidden, die Künstlerin des Titels, der Anlass, sich auf eine Birthright Tour zu begeben. In diesem Zusammenhang sei erklärt, dass es sich bei einer Birthright Tour um eine vom Staat Israel finanzierte Tour für außerhalb von Israel lebende Juden handelt.
Eigentlich hat sich Sarah ihre Meinung über den Staat Israel schon gebildet und steht ihm und insbesondere in der Haltung der annektierten Gebiete eher ablehnend gegenüber. Immerhin kann sie ihre Freundin Melissa überreden, sich der Tour anzuschließen.
Die Reiseformalitäten erweisen sich für Melissa, die relativ unbedarft auf die Reise geht, als schwierig. Doch dann steht der Reise nichts mehr im Wege.
Doch auf der Reise selbst versucht sich Sarah immer wieder gegen vermeintliche Manipulationen der Reisebegleiter zu wehren. Eindrucksvoll und schonungslos gegen sich selbst schildert sie, wie sie das an ihre eigenen Grenzen der Belastbarkeit führt. Fast scheint es gerade in diesen Passagen so, als lasse die Künstlerin ihre Leser zu nahe an sich ran, aber das Schildern dieses inneren Zwists ist erforderlich, um ihre Entwicklung auf der Reise nachvollziehen zu können, denn bei aller Skepsis muss Sarah nach und nach einräumen, dass Geschichte und insbesondere ihre Ereignisse immer von 2 Seiten zu betrachten sind und dass es zwischen Schwarz und Weiß eine Menge Grauschattierungen gibt.
Zu ihr bildet Melissa einen Kontrast, die eben aufgrund ihrer relativen Unvoreingenommenheit die Reise wesentlich besser genießen kann.
Die Erzählung wird immer wieder durch eine fiktive Gerichtsverhandlung aufgelockert, in der Sarah den Staat Israel anklagt, sie manipulieren zu wollen und in der es nie wirklich zu einem Urteilsspruch kommen kann.
Erstaunlich ist, wie detailliert Sarah Glidden die Umgebung in den Städten darstellt. Dies kann nur jemand, der die jeweiligen Straßenzüge auch wirklich gesehen hat.
Die Graphic Novel selbst folgt den Reisestationen und ist somit in 7 Kapitel aufgeteilt.
Atmosphärisch fängt sie wunderbar die latent vorhandene Bedrohung durch Terroristen ein. Dies gelingt ihr einerseits dadurch, dass sie über die ehemaligen Soldaten berichtet, die die Reisegruppe begleiten, andererseits auch Sarahs Bedenken, mit einem Taxi zur Westbank zu fahren. Natürlich spielen auch sprachliche Barrieren eine gewisse Rolle, denn Sarah weiß nicht, ob palästinensische Jugendliche hinter ihr her rufen, sie beschimpfen oder einfach nur miteinander spielen.
Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger ist als Reisebericht erzählt und liegt daher voll im Trend, denn längst haben sich Reiseberichte auch in der Neunten Kunst etabliert. Craig Thompsons Tagebuch einer Reise oder Joe Sacco mit Palästina haben sich längst ihren Platz in den Comic Läden erobert.
Sarah Gliddens Werk steht ihnen in nichts nach und ich bin gespannt, was wir von ihr noch zu sehen und lesen bekommen.

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