isoundwords # 4: Die eine über die Schmutzkampagne gegen Comics

Wenn ich diese Kolumne schreibe, ist der Dopingsumpf vom Radsport zur Leichtathletik weitergezogen, so dass über der in diesen Tagen zu Ende gegangenen Leichtathletik WM so etwas wie ein Generalverdacht schwebt. So ganz nebenbei hat sich ein gewisser Bernd Schuster in einem Interview über Doping im Fußball um Kopf und Kragen geredet. Ich bin gespannt, ob und wann das Dementi kommt und man über ein Missverständnis spricht.
Doch nun zum eigentlichen Thema:

Comics sind heutzutage hip.

Noch nie hat es in Deutschland einen inhaltlich so breit gefächerten Markt an bunten und schwarz-weißen Bilderheftchen gegeben wie heute. Klar, zu verbessern gibt es immer etwas und jeder Händler würde sich über noch mehr Kunden freuen, aber insgesamt erscheint der Markt doch stabil, auch wenn es hinter den Kulissen immer mal wieder an der Fassade bröckelt.
Dies ist auf die gute Arbeit der Verlage wie auch der Einzelhändler zurückzuführen. Natürlich hilft hier auch der Gratis Comic Tag, wenn auch sein Erfolg unmittelbar schwer oder nicht zu messen ist.
Alle Beteiligte der Comicindustrie sollten nicht vergessen, dass dies ein langer und steiniger Weg war. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie Comics in meiner Kindheit verteufelt wurden. So verbesserten sich beispielsweise meine Schulnoten in Deutsch Aufsätzen schlagartig um 2 Noten, als ich meinem Deutsch Lehrer versicherte, nun mehr Bücher und weniger Comics zu lesen. Es war dann auch nicht gegenüber meinen Eltern nicht leicht zu erklären, dass ich auch weiterhin Comics lesen mochte und dafür die Hand aufhielt.
Nun, ich bin als in den „Mitt-Sechziger“ Geborener in den Siebzigern aufgewachsen und da war noch deutlich der Nachhall zu spüren, als Comics verteufelt wurden.
Alles begann damit, dass 1940 Sterling North mit einem Artikel in der Chicago Daily News Comics als giftigen Pilzwuchs der letzten beiden Jahre bezeichnete. Superman war damals im Übrigen rund 2 Jahre alt. Sterling North entwickelte sich zu einem renommierten Buch Autoren und in Edgerton, Wisconsin, seiner Heimat, gibt es sogar ein Sterling North Museum.
1954 folgte der Psychiater Frederic Wertham mit seinem bekannten und durchaus einflussreichen Buch Seduction of the Innocent, mit dem er versuchte nachzuweisen, dass insbesondere Crime- und Horrorcomics einen schädlichen Einfluss auf Kinder ausüben.
Mehr noch als heute war es nur eine Frage der Zeit, bis solche Erkenntnisse oder Bewegungen den Weg über den Atlantik zu uns nach Deutschland fanden.
Als Resultat mag man dann das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften und die damit verbundene Einrichtung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften am 19. Mai 1954 betrachten. Nur wenig später in 1955 gab es dann eine Umtauschaktion, die durchaus in jeder Hinsicht groß angelegt und mit der für uns Deutsche typischen Gründlichkeit organisiert war. Comics konnten gegen „gute Bücher“ eingetauscht werden. Die Comics wurden verbrannt oder vergraben. Comics wurden damit das ungewollte Aushängeschild der Schundliteratur und so praktisch gebrandmarkt. Was daran aber wirklich so erschreckend ist, ist, dass nur 22 Jahre nach der Bücherverbrennung durch die Nazis erneut eine vergleichbare Aktion, wenn auch mit völlig anderem Hintergrund, durchgeführt wurde. Wie konnte man gerade im Land der Dichter und Denker nur so schnell vergessen? Vergangenheitsbewältigung geht anders und wurde damals wohl recht kleingeschrieben. Dabei war der Begriff Schundliteratur ein Relikt aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, als immer mehr einfache Leute lesen lernten und eine regelrechte Lesesucht entwickelten. Und nebenbei erwähnt: Die Comiclandschaft wäre schon ärmer, wenn es nicht gut gemachten Pulp wie The Shadow gäbe. Den traurigen Höhepunkt erreichte wohl der Feldzug gegen Comics, als am 25.07.2000 eine Razzia in vielen Comicläden Deutschlands durchgeführt und vor allem Exemplare des Titels Kondom des Grauens beschlagnahmt wurden. Da möchte ich nicht nur erwähnen, dass der Titel bekanntermaßen mit Staraufgebot erfolgreich verfilmt wurde, sondern auch, dass dies schon auch als Verstoß gegen das Grundgesetz erachtet werden darf, denn laut Art. 5 GG findet eine Zensur nicht statt und nach Art. 3 GG sind Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre frei. Darüber hinaus hat die doch eigens für solche Frage eingerichtete Prüfstelle für jungendgefährdende Schriften völlig zu Recht kein Gefahrpotential für die Jugend erkannt. Dumm war der die Operation leitende Oberstaatsanwalt nicht, denn er hat „Gefahr in Verzug“ attestiert und sich so um eine richterliche Erlaubnis herumgedrückt. Der Alpha Verlag hat dadurch natürlich einen Imageschaden erlitten, von dem er sich bis zuletzt nie völlig erholt hat. Ihm hätte eigentlich ein ordentlicher Schadensersatz zugestanden, den es natürlich nicht gab. Merke, man werfe nur lange genug mit Dreck nach jemandem, dann bleibt auch irgendwann Dreck hängen. Das ist eine physikalische Gewissheit.
Auch für den doch eher sauberen Buchhandel wurden Comics zu dreckig und es sollte eine lange Zeit vergehen, bis die Buchhändler wieder Vertrauen zum Comic als Produkt und den Verlagen entwickelten.
Das war also nicht nur ein langer Weg. Nein, vielmehr hat man durch das Vorgehen vor allem in den 50er und 60er Jahren in Deutschland mindestens eine Generation potentieller Leser und Sammler verloren. Erst der Generationenwechsel hat hier eine Veränderung gebracht. Allerdings muss man nun aufpassen, dass man im Zeitalter permanent zunehmender Elektronisierung nicht wieder eine Generation verliert, diesmal die Jüngeren.
Ich bin jedoch optimistisch, dass hier die Industrie erfolgreich dagegen steuern wird und dann weiß ich einfach, dass sich Qualität am Ende immer durchsetzt.
Diese Kolumne geht leider mit einer Woche Verspätung online. Bedingt war dies durch eine berufliche Fortbildung. Thema der Fortbildung war u.a. Zeitmanagement. Ich will damit sagen, mit besserer Planung hätte ich pünktlich sein können. Drückt mir die Daumen, dass die Fortbildung bei mir fruchtet.
Als Lesetipp gibt es diesen Monat Band # 2 des Fables Spin Off Fairest. Und natürlich noch ein bisschen Musik. Furchtlos ist ja selten schlecht.
Isoundwords # 4 trägt den Titel „Die Eine über die Buchmesse 2013“.

Das war für heute isoundwords. Lest mehr Comics!

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