isoundwords # 9: Die Eine über die Schwierigkeiten von Ongoing Serien

Als ich diese Kolumne schreibe, ist Evi Sachenbacher-Stehle bei den Olympischen Winterspielen in der A- und B-Probe auf eine verbotene Substanz getestet worden. Sie beteuert ihre Unschuld. Ursache könnte eine verunreinigte Nahrungsergänzung gewesen sein. War es nun grenzenlose Naivität, Fahrlässigkeit oder ein Betrugsversuch? Ich weiß es nicht und werde hier auch nicht spekulieren. Man wird sehen. Ich weiß nur, dass man sehr vorsichtig sein sollte, bevor man den Stab über jemandem bricht, bevor man nicht alle Fakten kennt und ich kenne hier bei weitem nicht alle Fakten.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Ongoing Serien gibt es vor allem im Superheldenbereich wie Sand am Meer.

Einige Serien wie Superman, Batman, Fantastic Four oder auch Spider-Man laufen schon länger als euer ergebener Kolumnist selbst Jahre zählt. Und euer ergebener Kolumnist ist ein alter Mann. Es liegt in der Natur der Sache und der Dinge, dass solch langlebige Serien einen riesigen Ballast an Kontinuität und offenen Handlungssträngen mit sich herumschleppen. Es ist natürlich schwierig, neue Leser zu gewinnen, wenn diese durch eine Kontinuität frustriert werden, weil sie sich eben da durchwurschteln müssen. Ich kann mich noch deutlich erinnern, als ich das erste X-Men Heft seit Jahrzehnten in den Händen hielt, es mit anfänglicher Begeisterung gelesen habe und dann vom Plot wie ein Fragezeichen aussehend zurückgelassen wurde. Ich musste eine Menge X-Men Heftchen lesen, um mich wieder in der Serie auszukennen und mich so auch wieder mit ihr identifizieren zu können. Wahrscheinlich habe ich es nur meiner Dickköpfigkeit zu verdanken, dass ich nicht völlig frustriert aufgegeben habe. Die X-Men habe ich bewusst als Beispiel gewählt. Grundsätzlich sollen solche Ongoing Serien so gestrickt sein, dass sich neue Leser schnell oder zumindest relativ schnell zurechtfinden. Die X-Men stellen hier eine Ausnahme dar, was aber nach meinem Befinden auch bewusst so angelegt ist. Andererseits ist es natürlich auch so, dass langjährige Leser ihre Kontinuität lieben und eifersüchtig darauf achten, dass sie auch von einem Autor gewahrt wird. Besonders beliebt ist es, ja es ist fast schon ein Sport geworden, dass Autoren an der Origin eines Helden herumschrauben und sie sich passend gestalten. So war es beispielsweise einer von 2 Fehlgriffen, die Straczynski in seinem ca. 8,5 Jahre langen Run bei Spider-Man getan hat, als er der Spider-Man Origin eigentlich ohne Not einen mystischen Touch gab. Damit hatte er das Lee / Ditko Prinzip „Shit happens“ völlig auf den Kopf gestellt. Dafür hatte er auch völlig zu Recht böse auf die Mütze bekommen. Selbst mich als großer Straczynski Fan hat die Story zweifelnd und stirnrunzelnd zurückgelassen.

Teams werden gerne mal neu zusammengesetzt, um so der Serie eine neue Dynamik zu verleihen. Das erinnert an eine Soap, in der auch schon mal Schauspieler ausgetauscht werden, um neue Impulse zu setzen. Die von mir bereits erwähnten X-Men sind sogar bewusst so angelegt worden, dass sich einzelne Teammitglieder immer mal eine Auszeit nehmen und so ersetzt werden können. Das hat Stan „the man“ Lee bereits in den 60er Jahren erkannt. Allein dieser Kniff nötigt mir für diesen Mann jeden Respekt ab. Selbst bei Marvel’s First Family, den Fantastic Four, hat es immer mal neue Konstellationen gegeben. She-Hulk hat mal Ben Grimm als Powerhouse und Spider-Man hatte vor gar nicht allzu langer Zeit den totgeglaubten Johnny Storm ersetzt. Doch so richtig als Familie funktioniert haben die Fantastic Four nur in ihrer Originalbesetzung.

Natürlich haben auch die Avengers oder auch die Justice League immer wieder Änderungen durchlaufen. Oft wird auch gerade in Teamserien so versucht, nachlassenden Verkaufszahlen entgegen zu steuern. Bei den Avengers hat das im Übergang zu den New Avengers offenbar funktioniert. Die Stammleser werden solche harten Eingriffe nicht immer erfreuen und es ist bestimmt eine haarsträubende Angelegenheit, wenn redaktionell abgewogen wird, ob man eine Serie mit den alten Konventionen weiterbestehen lässt oder gravierende Änderungen vornimmt. Ein anderes Stilmittel, neue Impulse zu setzen, ist der sogenannte Retcon. Dies bedeutet, dass in der Vergangenheit eines Helden in einem Flashback Subplots platziert oder neue Charaktere eingeführt werden, um den eigentlichen Plot in der Gegenwart voranzutreiben oder zu erklären. Das ist dann so ähnlich wie ein Duschvorhang. Der kann schimmeln, muss aber nicht. So kann auch ein Retcon funktionieren, muss aber nicht. Ob er funktioniert und zündet, ist in aller Regel davon abhängig, wie gut sich der jeweilige Autor in der Kontinuität des Helden auskennt. Der oft gescholtene Bendis ist hier ein Musterbeispiel für jemanden, der fleißig recherchiert und so seine Plots geschickt steuert.

Der stärkste Eingriff ist, wenn ein Relaunch erfolgt. Der größte Relaunch in der Comic Historie wird wohl die New 52 Initiative des DC Verlags gewesen sein. Als alter Marvelianer bin ich naturgegeben kein DC Fan, aber dieser Relaunch ist eine Maßnahme, vor der ich mittlerweile den Hut ziehe. Da stecken ein paar brillante Ideen drin. Und anfangs habe ich das für den letzten verzweifelten Versuch eines Verlags auf dem absteigenden Ast gesehen. Tja, so kann man sich täuschen.

Die Marvel Antwort auf New 52 heißt Marvel NOW!. Auch hier handelt es sich um eine Art von Relaunch, wenn auch mit feinerer Klinge. Ich denke, es wird allmählich Zeit beide Konzepte an dieser Stelle mal zu vergleichen. Stay tuned..

Selbstverständlich haben auch einzelne Serien einen Relaunch erfahren. Erinnern wir uns nur an Quesadas umstrittenen Brand New Day bei Spider-Man. Die grüne Laterne ist auch schon mal zu einem anderen Wächter gewandert und auch die Witchblade hat sich eine andere Trägerin ausgesucht. Das funktioniert immer temporär und ist im Grunde auch so angelegt, denn im Grunde wünschen sich die Leser über kurz oder lang doch den ehemaligen Helden immer wieder zurück. Ich bin in diesem Zusammenhang übrigens sehr gespannt, wie lange Doc Ock noch den Spider-Man geben wird.

Natürlich wollen die Verlage, die verantwortlichen Redakteure und die Autoren einer Serie immer wieder neue Impulse geben. Und genau hierin liegt die Schwierigkeit. Natürlich wollen auch wir Leser immer wieder neue Impulse. Es gibt nichts Langweiligeres für eine Serie als den ewigen Kampf gegen den „Freak of the week“. Doch dann sind wir Comicleser auch Gewohnheitstiere. Das heißt in der Praxis, dass auch wir Leser neue Impulse wollen, aber wenn sie dann einmal geschehen, kommt auch schon mal rasch ein Aufschrei, wenn es denn zu impulsiv wird. Ich zitiere hier mal einen ehemaligen X-Men Fan, der bei (fast) jeder Änderung bei den X-Men sagte: “Natürlich muss es Veränderungen geben, aber doch nicht so.“ Am Ende des Tages entscheiden die nackten Verkaufszahlen darüber, ob ein Relaunch oder ein neuer Impuls eine gute Entscheidung war oder nicht. Solche Maßnahmen werden alteingesessene Leser immer wieder er- oder auch abschrecken, bis einzelne sogar abspringen, aber auch die Tür für neue Leser öffnen, die sich dann eben nicht durch etliche Jahre Kontinuität quälen müssen, um den Plot zu verstehen. Irgendwann sind dann auch diese neuen Leser alteingesessene und werden vielleicht durch neue Impulse abgeschreckt. Dabei gehe ich auch davon aus, dass kein Leser von uns Serien wie Spider-Man, Fantastic Four, Batman oder gar Superman von Anfang an bis heute begleitet hat.

Was nehmen wir mit? Ongoing Serien zu managen ist keine leichte Sache und wenn man dies angesichts kritischer Comicleser tun muss, ist dies eigentlich eine Mission Impossible, die aber die Verlage insgesamt oft besser meistern als wir kritische Leser, die wir nun einmal sind, zugestehen.

Mit dem Lesetipp möchte ich euch auf Sweet Tooth aufmerksam machen – eine Serie, die mehr Leser verdient und auch wohl braucht.

Der nun fällige Themenwechsel fällt mir alles Andere als leicht. Wie Ihr vielleicht der offiziellen Mitteilung von ollih im Comicforum entnommen habt, ist der langjährige 1. Vorsitzende des FINIX Comic Clubs, Marc Schnackers, verstorben. Zwischen Marc und mir gab es erhebliche Meinungsverschiedenheiten, die ich hier nicht erläutern möchte und die längst nicht mehr erheblich sind. Umso mehr war ich von seinem Tod erschüttert. Als ich letztes Jahr von seiner Erkrankung erfuhr, hatte ich immer gehofft, dass er sich wieder ins Leben zurückkämpft und wir dann unsere Probleme aus der Welt schaffen können. Dass es dazu nicht mehr kommen wird, wird mich noch lange beschäftigen und belasten. Ich habe mich hier bemüht, ein paar Worte zu Marcs Würdigung zu finden.

Entsprechend ist auch der heutige Musik Link ausgerichtet.

isoundwords # 10 trägt den Titel „Die Eine über vor den Uhrenmännchen (Before Watchmen).

Das war für heute isoundwords. Lest mehr Comics!

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