isoundwords # 10: Die eine über das Aus des Comiczentrums auf der Frankfurter Buchmesse

Als ich diese Kolumne schreibe, ist Flug MH 370 nach wie vor verschollen. Es ist nur schwer verständlich, dass ein Flugzeug dieser Größe  in unserer übertechnisierten Welt so komplett von der Bildfläche verschwinden kann.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Als ich die Meldung über das Aus des Comiczentrums auf der Facebook Seite des Tagesspiegels sah, glaubte ich zunächst an einen schlechten Scherz. Doch dann reflektierte ich die letzten Jahre und las mir auch meine Kolumnen zur Buchmesse durch. Der rote Faden lautete: „Comiczentrum ist wieder geschrumpft.“ Hinter vorgehaltener Hand schworen viele Beteiligte Änderungen herbei, die es aber nie wirklich nachhaltig gegeben hat. Der beispielsweise  mit großem Tam-Tam eingeführte Hot Spot hat sich als Rohrkrepierer erwiesen.

Ich möchte an dieser Stelle betonen und deutlich herausstellen, dass es mir fern liegt, Wolle Strycz zu kritisieren. Auch er bewegt sich bestimmt in Vorgaben der Buchmesse und hat sich stets bemüht, das Beste aus der Situation zu machen.

Doch schön der Reihe nach:

Die Preise für einen Stand auf der Buchmesse haben es in sich und zwar derart, dass gerade die kleineren Verlage nach und nach der Messe ferngerblieben sind oder sich bestenfalls in den Gemeinschaftsstand eingemietet haben. Gleichzeitig sind Verlage wie Reprodukt, der Avant-Verlag oder auch Schreiber & Leser in die Halle 4.1 zu den jungen Verlagen abgewandert. Im Comiczentrum hielten diese Verlage nur noch eine symbolische Präsenz über Comics am Gemeinschaftsstand aufrecht. Als ärgerlich habe ich dann in 2012 die Manga Merchandise Stände empfunden, die offenbar das Comiczentrum optisch aufpeppen sollten. Nein, das hat rein gar nichts mit dem Thema Manga zu tun. Ich bin nur der Meinung, dass solche Stände auf der Buchmesse mit ihrem kulturell-wissenschaftlichen Anspruch nichts verloren haben.

Natürlich hatten sich auch mit Ehapa und Carlsen 2 große Verlage auch Richtung Kinderbuch orientiert. Immerhin waren sie noch so nah am Comiczentrum platziert, dass ein inhaltlicher und räumlicher Zusammenhang deutlich erkennbar war.

Hinzu kommt, dass sich auch Panini von der Messe selbst verabschiedet hat. Panini hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass für die Paninis die Buchmesse eher eine Arbeits- als eine Publikums- oder gar Fanmesse ist. Dennoch haben sich die Paninis mit Signieraktionen immer wieder mächtig ins Zeug gelegt. Dieses Jahr werden sie sich in ein Hotel nahe der Buchmesse einmieten und dort mit ihren Geschäftskunden konferieren. Damit sollen Einsparungen im 6 stelligen Bereich verbunden sein. Ich hielt dies erst für übertrieben, aber das Einsparpotential liegt darin, dass sie mit weniger Personal auskommen müssen. Eventuelle Überstunden fürs Wochenende und Übernachtungskosten fallen ebenso weg bzw. werden wegen des geringeren Personalaufwands deutlich reduziert wie auch die eingesparten Transportkosten des Messestandes. Auch die Gäste für die Signieraktionen müssen nicht mehr eingeladen werden. Es entfallen also auch hier Reisekosten (meist aus Übersee) sowie die Übernachtungskosten. Die Hotels in Frankfurt nehmen zu Buchmessezeiten einen ordentlichen Aufschlag, der zum Glück nicht mehr so drastisch ausfällt wie früher, weil einige Hotels neu entstanden sind. Dennoch sind die Aufschläge deutlich zu spüren.

Die Verlage konnten ihren Messeauftritt auch nie über Verkäufe gegenfinanzieren. Ursache hierfür sind entsprechende Vorgaben des Börsenvereins des Buchhandels. Klar, das Verbot gilt ja für die komplette Messe und wird erst traditionell gegen Sonntagmittag für die Ausstellungsexemplare aufgehoben. Ich weiß aber nicht, ob man seitens der Messe mal ernsthaft versucht hat, eine Aufhebung dieser nicht mehr zeitgemäßen Beschränkung zu erwirken.

Die im Bericht des Tagesspiegels aufgeführte Begründung, dass sich Comics auch über die Fanszene hinaus einer wachsenden Aufmerksamkeit erfreuen, dass sie so in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien und dass darüber hinaus eine Diversifizierung der Comic Landschaft zu verzeichnen ist, kann ich in diesem Zusammenhang nicht nachvollziehen. Ist dies Schönrednerei? Ich weiß es nicht. Mir ist die Begründung schlichtweg zu rößlersprungartig. Dass sich Comics einer wachsenden Begeisterung erfreuen, nehme ich natürlich auch wahr. Manchmal und immer öfter fragen mich Kollegen nach Lesetipps oder  haben sogar nach meiner speziellen Meinung zu einer Serie oder einem Comic gefragt. Das gab es noch vor ein paar Jahren nicht oder nur sehr vereinzelt. Ist es vor diesem Hintergrund nicht gerade wichtig, Comics an einer Stelle auf der riesigen Buchmesse zu präsentieren? Muss gerade jetzt nicht auch die Messe zeigen, dass sie sich mit dem wachsenden Medium identifiziert?

Mir kommt es eher so vor, als habe das Comiczentrum nicht die Zeichen der Zeit erkannt und versäumt, sich diese an sich positive Entwicklung zu Eigen gemacht.

Immerhin soll es auch weiterhin Signieraktionen geben, und auch für die Verlage besteht nach wie vor die Möglichkeit, eine Bühne zu mieten und Veranstaltungen durchzuführen. Als Besucher der Messe bin ich nur gespannt, wie das ablaufen soll. Entstehen nun weite Wege auf dem Messegelände? Werden die Comicverlage auch weiterhin in der Halle 3.0 untergebracht nur ohne die übegeordnete Organisation des Comiczentrums? Wird es auch weiterhin die Beilage aus dem Zack-Magazin geben, die uns als Besucher über all die Jahre begleitet hat? Ich denke, dass diese Beilage nicht zuletzt vom Comiczentrum organisiert und finanziert wurde und so leider entfallen wird. Auch die Berichterstattung von Splashcomics, die immer sehr informativ, ausgewogen und kompetent ausfiel, wird es zumindest in diesem Jahr nicht geben. Da soll mir jetzt keiner kommen und behaupten, dass Comics nun so hohes gesellschaftliches Ansehen genießen, dass es dessen nicht mehr bedarf.

Dann ist es ja auch nicht so, dass Comics auf einmal und über Nacht en vogue geworden sind. Das ist ein langer, steiniger Weg gewesen. Diese Entwicklung haben das Comiczentrum und damit am Ende des Tages auch die Buchmesse verpennt. Ebenso wurde es versäumt, Anreize im Sinne von unwiderstehlichen Anreizen für die Verlage zu schaffen, die auf der Buchmesse Flagge zeigten. Man hätte beispielsweise die Grundgebühr für eine Parzelle anheben und dann wieder finanzielle Boni erteilen können, wenn man etwas „Belebendes“ (Veranstaltungen auf der Bühne, Signieraktionen) zum Comiczentrum beiträgt. Und über solche Anreize hätte man dann unterm Strich die Kosten für die Verlage gesenkt. Natürlich hätte es auch hier eine Kappungsgrenze nach unten geben müssen. Ich bin kein Fantast und weiß, dass auch die Messe als Unternehmen Gewinne erwirtschaften muss. Das berühmte Disney Motto „Lose a Million, make a Billion!“ scheint an den Messeverantwortlichen jedoch völlig vorbeigelaufen zu sein. Schade! Es ist schon mehr als nur bedauerlich, dass es die „Konkurrenz“ in Leipzig vorexerziert, wie man mit dem Medium Comic umgeht und es entsprechend auf der Messe präsentiert. Ich spreche jetzt mal Klartext: Zieht endlich die Schlafanzüge aus, setzt eine Benchmark in Leipzig, fegt die Trümmer zusammen, die ihr angerichtet habt, und fangt wieder von vorn an.

Doch was pflegte mein erster Chef damals in Gießen zu sagen:“ Was nutzt dem kleinen Mann sein Zorn?“ Und um das Phrasenschwein weiter zu füllen: „Wo eine Tür zugeht, geht eine andere auf.“ Ich will damit sagen, dass es nun Chancen für eine Reformation gibt. Das Comiczentrum, das sich in 15 Jahren längst zu einer Institution gemausert hat, ist nun Geschichte. Und wenn man das sehr informative Interview der Splashcomics mit Andrea Fiala aufmerksam liest, stehen die Chancen auf ein Comeback eher schlechter als schlecht. Eins ist sicher. Die nächste Buchmesse wird spannender denn je. Das ist aber die Art von Spannung, auf die ich hätte leicht verzichten können.

Meine Messebesuche sind in der Vergangenheit mal mehr und mal weniger ausführlich ausgefallen. Leider hatte ich letztes Jahr wegen Umzugsstress keine Zeit, so dass ich ausgerechnet das letzte Comiczentrum verpasst habe. Leider war auch das Comiczentrum die einzige Veranstaltung bzw. Comic Großereignis, das in Frankfurt oder näherer Umgebung stattfand. Der Comic Salon findet alle 2 Jahre in Erlangen statt, das Comic Festival entsprechend wechseljährlich in München und ansonsten gibt es weitere Messen in Berlin, Hamburg, Aachen und Köln sowie die Comic Action im Rahmen der Spiel in Essen. Sorry, sollte ich eine Veranstaltung vergessen haben.

Meine persönlichen Höhepunkte im Comiczentrum waren, als ich mit Calvin Gotta die Schlumpf Magazine des Splitter Verlags verteilen und natürlich auch, als ich mit den Zwerchfell Legenden Stefan „Die Toten“ Dinter, Christoph „Piwi“ Tauber, Naomi „Zuckerfisch“ Fearn sowie Sarah „Das Leben ist kein Ponyhof“ Burrini an einem Tisch sitzen durfte und viel gelacht habe. Tatsächlich hatte ich am nächsten Tag leichten Muskelkater vor Lachen.

Liebes Comiczentrum, ich danke Dir für diese und andere unvergessliche Momente sowie die damit verbundenen Anekdoten! Ein weiterer dieser unvergesslichen Momente hat dazu geführt, dass ich einen Gastauftritt in Sarah Burrinis „Das Leben ist kein Ponyhof“ hatte.

Diesen Monat fällt es mir besonders leicht, einen Lesetipp abzugeben. Es handelt sich um die wunderbare Graphic Novel „Schattenspringer“ von Daniela Schreiter.

Leser von isoundwords wissen, wenn ich auf die Tonne haue, dann gibt‘s zum Abschluss ein ruhiges Lied. Viel Spaß damit!

isoundwords # 11 trägt den Titel „Die Eine über vor den Uhrenmännchen (Before Watchmen) und erscheint am 25.04.2014.

Das war für heute isoundwords. Lest mehr Comics!

 

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