Der Kartograph

 Auf der Basis des Lebens und Wirkens von Ino Tadataka legt Jiro Taniguchi seinen Manga „Der Kartograph“ vor.

Wir erfahren nicht, wie der Protagonist heißt, aber können dies dem Klappentext entnehmen. Taniguchi gelingt es, wie kaum einem Anderen, seine Leser zu entschleunigen. Der Kartograph lebte in der 2. Hälfte des 18. bzw zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Bei seinen Messungen muss er sich auf seinen gleichmäßigen Schritt verlassen, was er immer wieder trainiert. Abweichungen von seinem Schrittmaß lassen ihn unzufrieden zurück. Dabei ist der Kartograph eigentlich pensioniert, aber sein Beruf ist längst zum Hobby und zur Berufung geworden.  Seine Besessenheit geht sogar so weit, dass er bemüht ist, Vermessungsgeräte zu erfinden und zu bauen. Dies geschieht nicht immer zur Freude seiner Frau. Schließlich erhält er sogar den offiziellen Auftrag, einen Großteil Japans zu vermessen.

Ich denke, dass Selbstverwirklichung das Grundthema des vorliegenden Mangas ist. Der Protagonist ist eigentlich pensioniert, aber er ist sowohl noch rege genug, als auch noch geistig in der Lage, seinem Beruf nachzugehen. Also vermisst er munter weiter und macht auch Aufzeichnungen darüber. Dies geschieht in Edo, dem heutigen Tokio, einer Weltmetropole. Es ist schon schwierig vorzustellen, dass die erste Karte einer solchen Metropole zu Fuß vermessen und erstellt wurde. Die Erzählung endet damit, dass der Kartograph beschließt, ganz Japan zu vermessen, was Ino Tadataka in rund 10 Jahren auch tatsächlich auf sich genommen hat und das, ohne dafür bezahlt zu werden. Ja, auch im damaligen Japan waren die öffentlichen Gelder offenbar knapp.

Dass ein Portrait über einen Kartographen im fernen und fremden Japan auch noch unterhaltsam und keineswegs langweilig ist, ist einzig und allein der Erzählkunst von Jiro Taniguchi zu verdanken. Bei jemandem, der zu Fuß vermisst, kann Taniguchi naturgemäß zeichnerisch viel Wert auf Hintergründe legen und doch betonen, wie fokusiert sein Landvermesser ist, der sich nur in Ausnahmefällen von seiner selbst gestellten Aufgabe ablenken lässt. Die Story selbst erzählt Taniguchi in Einzelepisoden, die seinem Protagonisten auf seiner Wanderschaft begegnen oder passieren und dann wiederum auf seine Tätigkeit reflektieren. Taniguchi scheint Spaziergänger zu lieben. Oft entdecken oder erkunden seine Protagonisten ihre Umwelt zu Fuß. In diesem Zusammenhang empfehle ich gern „Der spazierende Mann.“ Bereichert wird die Story durch den Perspektivenwechsel, wenn Tadataka beispielsweise Edo aus der Sicht einer Ameise wahrnimmt oder sich Gedanken über Freiheit macht.

Auch mit der für uns auf den ersten Blick sperrig erscheinenen Thematik eines Kartographen Japans erreicht Taniguchi seine Leser und beweist einmal mehr, dass er einer der führenden Comic Künstler der Gegenwart ist.

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