isoundwords # 15: Die eine über die Notwendigkeit von Reboots

Als ich diese Kolumne schreibe, hat die Nationalmannschaft gegen Schottland in der EM-Qualifikation mühsam mit 2:1 gewonnen. Nach dem Gewinn eines großen Titels ist aller (Neu-)Anfang schwer..

Manch einem mag nun sofort auffallen, dass ich diese Kolumne arg verspätet geschrieben und folglich auch veröffentlicht habe. Ich war sogar kurz davor, die Kolumne für diesen Monat komplett zu knicken. Dies kann ich nur mit beruflichem Stress erklären und mich ausdrücklich entschuldigen. Man hat mich in ein Projekt gesteckt, was ziemlich viel Zeitressourcen von mir gnadenlos auffrißt. Ich bin aber nach den Geburtswehen dieses Projekts zuversichtlich, dass nun wieder alles seinen Gang gehen wird. Das wird man auch daran erkennen, dass in dieser Woche wieder die eine oder andere Rezension online gehen wird.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Reboots sind in den Superheldencomics zurzeit en vogue. Im August 2011 (bei uns in Deutschland ab Juni 2012) hat DC fast alle Serien unter dem Label „New 52“ neu gestartet. Marvel hat dann mit einer Art Reboot im Oktober 2012 (bei uns in Deutschland ab Juli 2013) nachgezogen.

Generell versteht man unter „Reboot“, dass die Kontinuität einer Serie verworfen wird, um sie neu zu starten. Dies kann zu einem Make Over des Charakters, dem Aufbau einer neuen Kontinuität sowie zu einer neuen Zeitlinie führen. Hierzu gibt es wie so oft im Leben gute und schlechte Beispiele. Richtig geschmerzt hat mich beispielsweise der „Brandnew Day“, weil Joe Quesada als Drahtzieher die wunderbare Kontinuität von Straczynski, die er für Spider-Man in nahezu 9 Jahren geschaffen hat, löschen ließ. Hierzu hatte ich mich ja schon mal an anderer Stelle ausgelassen, so dass ich mich allein schon zum Selbstschutz hier und heute dazu nicht noch einmal ausführlich äußern will. Es würde nur alte und mühsam vernarbte Wunden wieder aufreißen. Darüber hinaus haben wir bei Marvel und auch bei Spider-Man eine neue völlig veränderte Kontinuität.

Verärgert hatte mich John Byrnes „Chapter One“ bei Spider-Man, das nicht einmal ansatzweise mit den atmosphärisch dichten Stan Lee Stories mithalten konnte.Erfolgreicher war John Byrne zuvor mit seinem „Man of Steel“ bei Superman. Doch auch Batman hat mit „The Dark Kinight returns“ oder „Year One“ ähnlich vergleichbare Schritte durchlaufen. Selbst Star Wars wurde im Zuge der seinerzeitigen Übernahme der Comicserie durch Dark Horse (von Marvel) neu gestartet.

Im Zusammenhang mit Reboots erinnere mich an ein Gespräch auf dem Frankfurter Comicstammtisch, als ein Mitglied anmerkte, dass es aufgrund des Wusts von Kontinuität bei Ongoing Serien einfach notwendig ist, einen Reboot von Zeit zu Zeit durchzuführen. Über diese Aussage war ich seinerzeit nicht wirklich amüsiert. Heute bin ich ein paar Tage älter (und hoffentlich auch klüger) und weiß, dass er schlichtweg recht hatte. Ich bin ja selbst das beste Beispiel. Auf dem Comic Salon in Erlangen vor rund 12 Jahren hatte ich mir nach Jahren wieder einen X-Men Comic gekauft. Ohne Frage hatte es Spaß gemacht, ihn zu lesen, aber bei mir blieben doch etliche Fragezeichen zurück. Es hat dann alle 5 X-Men Archiv Schuber und viele weitere X-Men Hefte gebraucht, bis ich mich wieder zurechtgefunden hatte. Doch wer hat schon den Biß, sich dies anzutun? Ich könnte nicht einmal beschwören, dass ich selbst noch einmal solch eine Tortur durchmachen würde. Hinzu kommt, dass sich jeder Verlag permanent neue Leser erschließen möchte. Als Vehikel hierfür dienen auch die Comic Verfilmungen, deren Rückenwind man natürlich gerne nutzen will. Doch wie soll dies dauerhaft und nachhaltig funktionieren, wenn sich ein unbeleckter Cineast ein Comic kauft und sich dann vor ihm ein Berg an Kontinuität auftürmt? Natürlich wird er gefrustet sein und niemals als Leser gewonnen werden können. Ich gebe zu, dass gerade dieses Wechselspiel zwischen Film- und Comickontinuität stark vereinfacht dargestellt ist. Doch dies jetzt aufzubohren, wäre nicht zielführend und würde uns nur vom eigentlichen Thema wegführen. Vielleicht ist dies mal eine eigene Kolumne wert.

Klar dürfte auch sein, dass im Laufe der Zeit immer mal Leser verloren gehen. Die Gründe hierfür dürften vielfältiger Art sein und reichen von Verärgerung über Stories oder Zeichner, über Aufgabe eines Hobbies bis hin zu dem Tod von Lesern. Dies verschärft wiederum den Druck auf die Verlage, sich um neue Leser zu kümmern. Die Allzweckwaffe, die sich die Verlage selbst konstruiert haben, ist das Stilmittels des Reboots. Solche Reboots können und sollen auch dazu führen, neue kreative Kräfte freizumachen und so den Ballast und den Staub einer mehrjährig laufenden Serie wegzublasen.

Gratulieren kann man nach wie vor DC zu diesem Schritt. Es wird zwar aus der einen oder anderen Ecke mittlerweile genörgelt, dass sich dieser Schritt selbst überholt hat, weil die anfänglich sensationellen Leserzahlen schon wieder rückläufig seien, aber ich denke, insgesamt war dieser Schritt für DC notwendig, richtig und auch gut ausgeführt. Und ich räume an dieser Stelle gern ein, dass ich seinerzeit mehr als nur skeptisch war. Tja, ich hatte mich wieder einmal getäuscht.

Die New 52 haben Marvel natürlich in Zugzwang gesetzt. Das Resultat war Marvel NOW!. Marvel NOW! ist nicht so radikal gestaltet wie die New 52, was wiederum auch leicht erklärbar ist. Mit Sicherheit wollte Marvel den modus operandi nicht von DC abkupfern und haben ihren eigenen Weg gesucht. Auch hier gilt, dass manches gut, manches weniger gut gelungen ist. Manches erschöpft sich dann auch irgendwann einmal. So bin ich beispielsweise froh, dass Dan Slott mit seinem Run mit Doc Ock als Spider-Man auf die Zielgerade einbiegt. Das Thema hatte sich nun allmählich  totgelaufen.

Auch Top Cow hat sein Universum unter der Überschrift „Rebirth“ neu gestartet und in Teilen eine neue Kontinuität gesetzt. Insgesamt halte ich auch dies für eine vorübergehende Story, weil mir das ganze Gebilde als fragil angelegt erscheint. Ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren und überraschen.

Wir sehen also, Reboots sind notwendig und dies aus kommerzieller wie künstlerischer Sicht. Überstrapaziert werden sollten sie als Stilmittel allerdings nicht und nach Möglichkeit in eine Handlung eingebunden werden, die den Leser den Reboot nachvollziehen lassen kann – wenigstens ungefähr, denn wir Comic Leser sind ja Kummer gewohnt und erprobt.

Als Lesetipp gibt es heute Daredevil # 6, denn auch hier stehen wir vor einer Art Reboot.

Heute gibt es ausnahmsweise mal kein Musikvideo, sondern meine Ice Bucket Challenge. Viel spaß damit!

Die nächste Kolumne trägt den Titel „Die eine über das Weh und Wohl von Graphic Novels“ und wird am 26.09.2014 erscheinen.

Bis dahin: Lest mehr Comics!

 

2 Gedanken zu “isoundwords # 15: Die eine über die Notwendigkeit von Reboots

  1. Auch ich war sehr skeptisch, was die beiden reboots betrifft. Da ich allerdings lange Jahre keine DC Comics mehr gelesen habe und mittlerweile eher Fables, Sandman, The Boys und solche Sachen mag, hatte ich mit den New 52 Gelegenheit einige neue Perlen zu entdecken. Ich habe mir ersteinmal zu jeder neuen Serie eine Rezension durchgelesen (sehr viel auf deutsch findet man da gar nicht, drum mag ich deinen Blog so gerne) und bin dann ua. bei Swanp Thing, Animal Man und Justice League Dark eingestiegen. Ich kaufe schon lange keine Heftchen mehr, Panini leistet mit seinen Sammelbänden für mich tolle Arbeit. Seitdem bin ich bei allen Serien wieder ausgestiegen, für mich hat die Qualität nachgelassen oder das mühselige einbauen von Inhalten aus übergeordneten Crossovern hat dazu geführt. Auch habe ich das Gefühl, das die Neustarts mit tollen Zeichnern und Autoren für kurze Zeit durchgehalten wird, bis die Stars die Serien wieder verlassen und andere Projekte umsetzen.
    Marvel Now hat mich fast vollig kalt gelassen. Aus dem ultimativen Universum hatte ich fast alles gekauft, jetzt, nix mehr. Da ich aber bereits über 40 bin und seit Kindertagen Superheldencomics lese, sehne ich mich nach neuen Konzepten, und die gibt es ja woanders (Crossed, The Boys, Sweet Tooth, auch Morning Glories, Locke und Key, Freak Angels usw.).
    Danke für deine tollen Kollumnen, es ist schön etwas weitergehende Gedanken zu einem meiner Hobbys zu lesen. Ich freue mich auf die weiteren.

  2. Bei DC kam ja noch leider dazu, dass sich der eine oder andere Autor mit den Redakteuren verkracht hatte. So erklären sich die Autorenwechsel bei Batgirl und Batwoman. Mal schauen, wie diese Serien den Wechsel verkraften. auch Marvel hatte das eine oder andere neue Konzept. Nicht alles war dabei zufriedenstellend. manches hat eher verwirrt, statt neu zu inspirieren. Manches kam richtig gut wie z.B. der Spider-Man Run, der nunmehr zu Ende geht. Bin gespannt, wie sich der Netzschwinger nun schlägt. Liebe aber auch Sachen wie The Boys, Sandman oder The Losers. Morning Glories wurde ja bei Panini eingestellt und wird nunmehr von dani Books veröffentlicht. Freue mich da auch auf die Fortsetzung.

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