Largo Winch: Tödliches Erbe

 

Largo Winch ist eine von Jean van Hamme und Philippe Francq entwickelte franko-belgische Comic Serie, die hierzulande bei Schreiber & Leser im Inprint „Alles Gute“ im Albenformat erfolgreich veröffentlicht wird und sich auf eine Romanserie stützt. Im Jahr 2008 wurden die ersten beiden Alben dieser Serie, die auch zusammen einen Handlungsbogen ergeben, verfilmt.

Nerio Winch ist ein self-made Milliardär und  Vorsitzender der milliardenschweren Winch Gruppe, die weltweit operiert. Sein Tod erschüttert die Börsenwelt. Es droht die Zersplitterung der Winch Gruppe bzw die feindliche Übernahme durch einen russischen Tycoon. Doch dann wird bekannt, dass Nerio Winch über einen Adoptivsohn verfügt, dem er sein milliardenschweres Imperium als Alleinerben übertragen hat.

Mehr möchte ich für diejenigen, die weder Film noch die Albenserie kennen, über die Handlung, die durchaus den einen oder anderen überraschenden Dreh aufweist, nicht verraten.

Tatsache ist, dass ich nicht wirklich ein ausgewiesener Freund des französischen Films bin. Oft sind mir diese Filme zu inhaltsschwer und verkünstelt. Wenn dann noch eine Verfilmung mit „cooler als James Bond“ angekündigt wird, wächst meine Skepsis um einen nicht beträchtlichen Faktor. So ist es wohl auch zu erklären, dass ich lange einen Bogen um diese Verfilmung gemacht habe. Gestern war es wohl auch dank des für Outdoor Aktivitäten ausladendes Wetter so weit. Ich schob die blu ray in meinen Rekorder und schaute mir den Film an.

Nun, ich war angenehm überrascht. Man merkt dem Drehbuch an, dass an seiner Entstehung das Kreativ Duo des Comics mitgewirkt hat. Die wirklich wichtigen Wendungen der Comic Vorlage finden sich wieder und so kann sich der Betrachter des Films völlig in den Film sinken lassen. Inhalt des Films, der sich, wenn auch in abgewandelter Form, auch wie ein roter Faden durch die komplette Comicreihe zieht, ist, dass Largo Winch sein Erbe nicht antreten und die Winch Gruppe mit Hilfe einer feindlichen Übernahme zerschlagen werden soll. Die Glättung des Aktienrechts im Hinblick auf die Inhaberschuld-Verschreibungen erachte ich als künstlerische Freiheit bzw. dramaturgische Notwendigkeit und wird daher von mir nicht kritisiert.

In Rückblenden wird der Werdegang Largos aufgezeigt, so dass nicht nur das nicht immer leichte Verhältnis zu seinem Stiefvater, als auch seine Motivation in der Gegenwart nachvollziehbar aufgezeigt wird. In dieser Gegenwart muss sich Largo immer häufiger fragen, wer sein Gegenspieler ist und ihm nach dem Leben trachten will. Die Auflösung ist wirklich für die Unkundigen der Comic Serie eine Überraschung und wesentlicher Bestandteil der Handlung.

Wie auch in den Comics wird die Metropole in die Handlung miteinbezogen. Fängt in den Comics Francq die Architektur und Atmosphäre dieser Stadt ein, geschieht dies im Film durch entsprechende Kamerafahrten. Da sie nicht als Selbstzweck angelegt sind, entstehen hierdurch weder Längen noch Langweile. 

Dennoch wird für den Film die Handlung von New York nach Hongkong verlagert. Ohne Zweifel ist auch Hongkong eine atemberaubende Stadt. Vielleicht waren ja dort die Drehgenehmigungen billiger (?). Ebenso wird Largo im Film in Kroatien und nicht in Liechtenstein großgezogen. Ganz ohne Anspielung auf das Fürstentum kommt dann der Film doch nicht aus.

Bei einigen Charakteren hätte ich mir etwas mehr Hintergrund gewünscht. Das gilt nicht nur für die Vorstandsmitglieder der Winch Gruppe, sondern auch für Melina, die plötzlich da ist, Largo hilft und genau so plötzlich wieder verschwunden ist.

Etwas überrascht und überhaupt nicht einverstanden war ich mit einem harten Schnitt in einer Actionsequenz, die dadurch auch erst im Nachhinein zu verstehen ist. Bei einem „FSK 16“ Film hätte man sich diesen Schnitt durchaus sparen können, zumal der Film weitgehend ohne Action Sequenzen und die entsprechenden Kamerafahrten im Hollywood Stil auskommt. Und wer auf explodierende Autos oder Gebäude steht, ist bei Largo Winch definitiv schlecht aufgehoben.

 Tomer Sisley, der zuletzt bei „Wir sind die Millers“ zu sehen war, habe ich Largo Winch durchaus abgenommen. Das mysteriöse, fast schon Unnahbare, an dieser Figur transportiert er vom Comic über die Leinwand zum Zuschauer. Vielleicht mangelt es ihm ein wenig an Charisma, aber das kann auch an meiner Wahrnehmung liegen.

Kristin Scott Thomas Kristin Scott Thomas hat schon in zahlreichen Filmen mitgespielt. Zu den herausragenden Werken gehört „Der englische Patient“. In Largo spielt sie Ann Ferguson, die zunächst kommissarisch die Winch Gruppe leitet. Ihr Spiel wirkt erfreulich differenziert, was bei ihrer Rolle auch enorm wichtig ist. Sie ist der heimliche Star des Films.

 Miki Manojlovic spielt Nerio Winch, der immer wieder in Rückblenden auftaucht. Scheinbar gedankenverloren geht sein Blick ins Leere. Ohne dass dies nie explizit ausgesprochen wird, bedient sein Blick und seine fast schon depressiv wirkende Körpersprache das Klischee, dass Geld allein nicht glücklich macht. Doch zum Glück verharrt die Handlung nie auf diesem Klischee.

Alles in allem ist „Largo Winch: Tödliches Erbe“ die fast schon perfekte Unterhaltung für einen verregneten Sonntagnachmittag. Es ist bestimmt nicht die beste, aber auch nicht die schlechteste, Comic Verfilmung, die ich bisher gesehen habe.

Die blu ray kommt mit Extras, die lediglich aus 2 Trailern bestehen, etwas blutleer rüber.

 

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