isoundwords # 16: Die eine über das Wohl und Wehe von Graphic Novels

Als ich diese Kolumne schreibe, haben sich die Schotten entschieden, sich doch nicht von Großbritannien abzuspalten. Braveheart dreht sich im Grab um. Vielleicht kommt er sogar zurück, um seinen Landsleuten in den Hintern zu treten.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Comics haben lange gebraucht, bis sie ihre Nische in Deutschland gefunden und als Kunstform anerkannt wurden. Die deutschen Verlage wie der Einzelhandel haben da kreuz und quer durch die Landschaften in den letzten Jahren großartige Arbeit geleistet. Ein Kniff, der dem Comic hierzulande marketingtechnisch in jeder Hinsicht geholfen hat, war die Implementierung des Begriffs „Graphic Novel“.

In den USA, wo dieser Begriff Ende der 70er Jahre des letzten Jahrtausends Einzug hielt und dessen „Erfindung“ oft will Eisner zugesprochen wird, obwohl das nicht eindeutig belegt und umstritten ist, hat Graphic Novel eine komplett andere Bedeutung. Dort handelt es sich schlicht um eine Erzählung in Buchform, d.h. man fasst mehrere Einzelhefte zu einem Sammelband zusammen.

In diesem, unserem Lande wird dies völlig anders ausgelegt. Dies zeigt allein die Definition, die auf der deutschen Wikipedia-Seite verwendet wird. Demnach sind „Graphic Novel (dt. illustrierter Roman, Comicroman, Grafischer Roman) eine seit den 80er Jahren populäre und aus den Vereinigten Staaten übernommene Bezeichnung für Comics im Buchformat, wobei sich diese aufgrund ihrer erzählerischen Komplexität häufig an eine erwachsene Zielgruppe richten“.

Diese These wird beispielsweise von den 5 Comicverlagen gestützt, die hierfür eine eigene Website aus der Taufe gehoben haben und diese auch pflegen.

Ohne Frage hat der Begriff „Graphic Novel“ funktioniert und tut dies auch bis heute noch. Er wird nicht nur von weiten Teilen der Comicindustrie, sondern vor allem auch von den Medien akzeptiert und fleißig verwendet. Gleichzeitig hat die Graphic Novel die Tür zum Buchhandel geöffnet, ja fast schon eingetreten. Ja, zum selben Buchhandel, der die Comics eher mit Argwohn betrachtet und sie aus seinen Regalen folglich verbannt hat. Derselbe Buchhandel schreitet nun mit einer gewissen Selbstverständlichkeit über eine gemähte Wiese und entdeckt, dass man auch mit Comics, Verzeihung mit Graphic Novels, Geld verdienen kann. Dies mag auch daran liegen, dass Comics in elektronischer Form zumindest für mich nicht so gut funktionieren wie dies bei nichtillustrierter Romanen der Fall ist. Doch dies ist ein anderes Thema, über das andere gern schreiben oder erzählen wollen, die sich mit dieser Veröffentlichungsform intensiver befassen.

Ich erinnere mich da viel lieber an ein Gespräch mit Horst Gotta vom Splitter Verlag auf dem Frankfurter Comicstammtisch vor einigen Jahren. Ich fragte ihn nach seiner Meinung zu dem Begriff. Er antwortete mir sinngemäß, dass er nichts gegen den Begriff habe, dass ihn Splitter nicht pflege und dass er nicht zu einer Unterscheidung zwischen guten und schlechten Comics führen darf. Ich ordnete seine Aussage damals unter „Neid der Besitzlosen“ ein. Mann, Mann, Mann, was lag ich da mal wieder falsch! Der guten Ordnung halber sei hier erwähnt, dass Splitter den Begriff „Graphic Novel“ gegenwärtig und mittlerweile sehr wohl nutzt und pflegt. Ich sehe dies aber nicht als „einknicken“, sondern eher als Beleg dafür, wie hoch der Druck auf die Verlage ist, dieses Gütesiegel wenigstens für einen Teil ihres Programms zu nutzen. Gleichzeitig räume ich gern meine Bewunderung für Horsts nahezu prophetische Analyse ein.

Wir haben es also längst mit einem Qualitätskriterium zu tun. Kann dies so gewollt sein? Muss man hier nicht allein schon aus Respekt vor Werken wie Tim und Struppi, Asterix oder Spirou (um nur einige zu nennen) die Graphic Novel bezüglich der Begrifflichkeit wieder auf ihren US-amerikanischen Ursprung zurückschrauben? Falls nein, wie ordnen wir sonst Serien wie Sandman, 100 Bullets, Y the last man, DMZ oder der Zauberer von Oz ein? Müssen wir dann einen neuen Begriff finden, um weiter zu kategorisieren? Falls ja, würden wir uns dann nicht verzetteln und übersehen, dass wir am Ende des Tages immer noch über Comics sprechen und schreiben? Sollte man stattdessen nicht viel lieber da ansetzen, dass man der breiten Öffentlichkeit erklärt, dass Comics nicht zwangsläufig komisch im Sinne von banal sein müssen? Ich hoffe, dass dieser Zug noch nicht abgefahren ist. Die Diskussion hierüber muss in jedem Fall kritisch und auch gern leidenschaftlich geführt werden. Nur zu einer weiteren Verhärtung der Fronten soll und darf sie keinesfalls führen.

Die Befürworter des Begriffs sollten nicht vergessen, dass es längst vor seiner Einführung auf dem deutschen Markt bedeutende Werke wie Maus, Watchmen, Corto Maltese und den bereits zuvor erwähnten Sandman gegeben hat. Da braucht mir heute keiner kommen und sagen, dass das schon immer Graphic Novel waren und wir das erst später bemerkt haben. Ich weiß, dass es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, den deutschen Comicmarkt auch nur halbwegs unter einen Hut zu kriegen, aber im Sinne der Sache sollten sich die Altvorderen der Comicindustrie auf einer Sachebene auseinandersetzen und nach Möglichkeit Konsenz finden.

Seitdem ich begonnen habe, mich mit Comics in all ihrer Art zu befassen, hat für mich längst die Abwechslung den Reiz dieses grandiosen Hobbies ausgemacht. Mittlerweile ist es mir völlig wurscht, ob ich einen Comic oder eine Graphic Novel lese. Mal möchte ich einfach nur unterhalten werden, mal möchte ich, dass mich ein Werk zum Nachdenken bringt. Und einige müssen nun ganz tapfer sein – unabhängig von meiner Gemütslage und meiner Motivation, einen Comic zu lesen, handelt es sich dabei immer um Comics. Und das ist auch gut so.

Als Lesetipp empfehle ich heute Wave and Smile – unabhängig davon, ob man dies als Comic oder Graphic Novel einordnen möchte.

Heute gibt es mal keine Musik, sondern meine Ice Bucket Challenge sowie die der von mir Nominierten und der mich Nominierenden. Viel Spaß damit!

Die nächste isoundwords erscheint am 31. Oktober und wird den Titel „Die eine über die Frankfurter Buchmesse 2014“ tragen. 

Das war für heute isoundwords.

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