Will Eisner: Ein Vertrag mit Gott

 Will Eisner – ein Name wie ein Donnerhall. Ohne Frage ist dies ein Comic, den man nicht so ohne Weiteres in die Hand nimmt und eben mal liest. Dagegen sprechen allein schon die knapp über 500 Seiten. Der Band selbst besteht aus den 3 Einzelbänden „Ein Vertrag mit Gott“ (1978), „Lebenskraft“ (1983) und „Dropsie Avenue“ (1995). Obwohl zwischen diesen Bänden immerhin 17 Jahre liegen und aus vollkommen unterschiedlichen kreativen Perioden stammen, ergeben sie doch ein harmonisches Gesamtbild.

Die Stories sind durchweg gradlinig strukturiert und erzählt. Zweifellos ist dies ein Stilmittel, mit dem Eisner seine Leser für sich einnimmt. Hinzu kommt der autobiografische Hintergrund, der bei der ersten Story, „Ein Vertrag mit Gott“, den Leser in den Bann der Handlung zieht. Alle drei Erzählungen sind mit viel Energie erzählt und gezeichnet. Rasch erkennt man als Leser, warum Will Eisner von der F.A.Z. als wichtigster Zeichner der USA angeführt wird. Oft unterstreicht Eisner die Atmosphäre seiner Erzählung mit dem Wetter. Mal ziehen Gewitter auf, mal herrscht eitel Sonnenschein. So entwickeln auch scheinbare Nebensächlichkeiten ihre Bedeutung. Beim Lesen fragt man sich folglich immer wieder:“ Kann man einen Vertrag mit Gott schließen?“ Juristisch betrachtet kommt ein Vertrag mit zwei übereinstimmenden Willenserklärungen zustande. Aber wer kann sich schon anmaßen den Willen Gottes zu kennen?

Selbst Will Eisner hat auf diese Frage keine eindeutige Antwort, aber dennoch trifft er den Leser mit dem Schluss der Story mit voller Wucht ins Herz.

Erschreckend und faszinierend zugleich ist, wie er in diesem Band Themen anspricht, die auch heute noch das aktuelle Zeitgeschehen mitbestimmen:

  • Rezession und Weltwirtschaftskrise sowie Depression nach dem Börsencrash im Oktober 1929
  • Immigrationsproblematik und illegale Einwanderer in den USA
  • Immobilien Spekulantentum und korrupte Vermieter
  • Verfall eines Stadtteils oder eines Straßenzuges, was wohl kaum in einer anderen Stadt auf der Welt so viel Eigendynamik hat wie in New York
  • Lebenskrisen in und mit der Partnerschaft in finanziellen Krisenzeiten
  • Gottesglaube bei Verlust der eigenen Tochter

Doch bei aller scheinbarer Ausweglosigkeit zeigt Eisner auf, dass eine Heilung von innen heraus nicht nur der einzig gangbare, sondern auch realisierbare Weg ist. Menschen finden zueinander, Beziehungen entstehen und so keimt auch Hoffnung auf. Um einen historischen Zusammenhang darzustellen, hat Eisner auch fiktive Zeitungsausschnitte eingefügt. Hierbei handelt es sich übrigens um ein Stilmittel, das ein gewisser Alan Moore bei seinen großen Werken Watchmen und V wie Vendetta ebenfalls angewendet hat.

Man muss eine Stadt mit ihren Menschen schon sehr lieben, wenn man sie so genau wie Will Eisner beobachten und über sie berichten kann.

Es gibt 3 Kategorien von Comics: Die erste Kategorie muss man haben, die zweite sollte man haben und die dritte braucht man nicht zu haben. Zweifelsohne fällt „Ein Vertrag mit Gott“ in die erste Kategorie.

Die Carlsen Ausgabe ist als Hardcover eindrucksvoll und mit einem Einlegebändchen gestaltet. So wird Comic Lesen zum Erlebnis.

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