Die letzten Tage der Menschheit

boller Die vorliegende Graphic Novel arbeitet die Ereignisse um den 1. Weltkrieg auf und basiert auf dem Werk von Karl Kraus, der Österreicher war. Sie handelt von der „Heimatfront“, also den zuhause Gebliebenen, und wie sie mit dem Krieg umgehen und spielt daher meist in Wien. Wer also Bombenabwürfe, Landser Action oder Stellungs- bzw. Grabenkriege sehen will, ist hier fehl am Platz.

Auf den ersten Blick könnte man also zu der Überzeugung kommen, dass die vorliegende Graphic Novel langweilig sei. Doch weit gefehlt! Dafür ist das, was Pietsch und Boller vorlegen, zu vielschichtig. Da sind Offiziere, die sich über Verwundete beklagen, Bürger, die sich empören, auf der Straße durch den Krieg Verkrüppelte zu sehen, ein Major, der sich beschwert, dass er in einem Café nicht bedient wird und sich mit der Aussage des Wirts, dass alle Kellner eingezogen seien, so gar nicht einverstanden zeigen will. Wir finden sogar die ersten Hinweise auf die Dolchstoßlegende, die die Nachkriegsberichterstattung beherrschen sollte.

 Doch auch die Rüstungsindustrie verdient auf beiden Seiten emsig. Offiziere lügen sich beim Spaziergang ins Wirtshaus gegenseitig die Taschen voll, während die Bevölkerung mehr und mehr leidet. Leute, die es wagen, die Wahrheit zu sagen, werden auf die eine oder andere Weise mundtot gemacht. Ich könnte hier noch viele weitere Beispiele anführen, die Pietsch und Boller herausarbeiten, aber das würde diesem Werk dann auch irgendwann nicht mehr gerecht. Wichtig ist, dass anfangs des 20. Jahrhunderts eine noch größere Menschenverachtung gelebt wurde als heute, so dass die vorliegende Comic Adaption auch „Die letzten Tage der Menschlichkeit“ heißen könnte.

Daneben bekommen wir viel von der damaligen Atmosphäre und dem seinerzeit herrschenden Zeitgeist mitgeliefert. Wir befinden uns im Zeitalter der Industrialisierung, die natürlich auch auf die Rüstungsindustrie Auswirkungen hat. Die Waffen werden moderner und tödlicher. Das U-Boot wird entwickelt. Die damaligen Machthaber sind viel zu sehr interessiert, diese Waffen endlich auszutesten. Als dann der der Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, in Sarajevo im Juni 1914 erschossen wird, löst dies den 1. Weltkrieg aus. Mit „Hurra Patriotismus“ stürzen sich die Nationen in den Krieg, den sie anfangs wohl eher für einen Wandertag oder Berufsausflug halten.

Folgerichtig wird dieses Attentat nur angerissen und nicht allzu sehr thematisiert. Schließlich war es nur der Anlass und nicht der Grund für den 1. Weltkrieg. Auch der Kriegsverlauf bleibt weitgehend unerwähnt. Mit schöner Regelmäßigkeit verkündet ein Zeitungsjungen den nächsten großen Sieg. Dies mag auf die Überwachung der Presse nach Kriegsausbruch zurückzuführen sein, aber auch vor dem Kriegsausbruch übte sich die Presse nicht wirklich in Zurückhaltung.

Über allem ragt aber noch das Artwork von David Boller heraus, das sehr an seine Autobiographie „Ewiger Himmel“ erinnert. Kunststück, bei beiden Werken handelt es sich im weitesten Sinne um eine Dokumentation. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Stilrichtungen David Boller beherrscht und wie sicher er in ihnen ist. Jeder der Charaktere (und es gibt eine Menge davon) hat sein eigenes Gesicht, seine Körperhaltung und -sprache. Stereotypen kennt David nicht.

Es ist ein Krieg, der rund 17 Millionen Menschenleben kosten soll. Der 1. Weltkrieg war eine Materialschlacht und das Material war der Mensch.

Der Comic macht sich auch wunderbar unter dem Weihnachtsbaum.

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