Insel Bourbon 1730

9783938511879Mit diesem Band widmen sich Appollo und Lewis Trondheim dem Schicksal des  Piraten Oliver Levasseur, auch bekannt als „La Buse“, der 1730 auf der Insel Bourbon (heute La Réunion) wegen Piraterie hingerichtet wurde. Fast könnte man meinen, dass der Comic 2 rote Fäden aufweist – Scheitern und Aussterben.

Das ist grundsätzlich auch nicht falsch, aber das würde dem Werk nicht vollständig gerecht werden. natürlich scheitern fast alle Charaktere auf die eine oder andere Art. Raphael Pommery, der von Trondheim als Enterich dargestellt wird, soll den Ornithologen Chevalier Despentes auf der zum Scheitern verurteilten Suche nach dem Dodo helfen. einmal auf der Insel angekommen verliert er bei einer ebenso zum Scheitern verurteilten Liaison seine Naivität und will sich den Piraten anschließen, die davon erzählen, La Buse befreien zu wollen, aber sich tatsächlich mehr und mehr im eigenen Seemannsgarn verstricken. Somit ist dann auch ihr fast schon alberner Befreiungsversuch, der zudem aus einer Sufflaune heraus geschieht, (man mag es kaum erraten) gnadenlos zum Scheitern verurteilt.

Kommen wir nun zum Aspekt des Aussterbens. Der Dodo, der von Despentes verzweifelt gesucht wurde, gilt seit ca. 1690 ausgestorben. Die Suche, die also rund 40 Jahre nach seinem Aussterben angestrengt wird, ist – ja- zum Scheitern verurteilt. So können also La Buse und der Dodo als symbolischer Falke betrachtet werden, wenn man die Regeln der Novelle auf den Comic anwendet. Und hierin liegt für mich die feine Ironie, mit der Appollo und Trondheim meisterhaft spielen. Sie lassen eine anthropomorphe Tierfigur, eine Ente, nach einem Dodo, einem Vogel, suchen und dies nach den Regeln des Falken (eines Vogels) der Novelle. Selten habe ich in einem Comic so etwas Mehrdeutiges und hintergründiges gelesen. Und natürlich ist das großartig! Um dann noch die Symbolik zu vertiefen, wird La Buse nicht nur hingerichtet, sondern ist selbst Mitglied einer aussterbenden Art. Den Piraten der Karibik wurde nämlich dank des Bündnisses mehrerer Nationen erbarmungslos nachgejagt, bis sie sich unerkannt niederließen oder eben verhaftet sowie hingerichtet wurden.

In diesem Scheitern liegt weitere Ironie, denn die Protagonisten scheitern regelmäßig kurz, bevor das eigentliche Abenteuer beginnt.

La Buse selbst soll einen geheimen und bis heute nicht entschlüsselten Code auf einem Blatt Papier unmittelbar vor seiner Hinrichtung unter das Volk geworfen haben. Der Code soll entschlüsselt zu einem unermesslichen Schatz führen. allerdings wurde weder der Code bis heute entschlüsselt noch der Schatz gefunden. Dies erzählen Appollo und Trondheim aber erst in ihrem Dialog, in dem nun auch Raphael Seemannsgarn spinnt. Sie folgen auch hier den Regeln der Novelle und lassen ihre Story fast schon beiläufig ausklingen. Auch hier gilt es die Symbolik zu verstehen. La Buse wird im Comic nicht an einer einzigen Stelle gezeigt und vielleicht ist ja auch der Schatz nur eine Legende. Somit wäre der geheimnisvolle Code nur so etwas wie der letzte Scherz eines Piraten. Diese Möglichkeit wird von Appollo angedeutet.

Wie bereits erwähnt, transferiert Trondheim mit seinem in schwarz-weiß gehaltenen Artwork ins Tierreich. In der Umgebung, in der Insel Bourbon spielt, hält er sich eng an die natürlichen Gegebenheiten. es ist beispielsweise leicht erkennbar, dass die Handlung in der Karibik spielt. Da Appollo selbst auf La Rèunion geboren wurde, hat er sich diese Vorgaben vielleicht gewünscht. Ich denke, der Comic würde bei freier Gestaltung der Umgebung auch einfach nicht so gut funktionieren.

Man mag als Leser sogar so weit gehen und Parallelen zum heutigen Geschehen suchen. Wie viel Freiheit darf man im Angesicht einer unterschwelligen Gefahr wagen, um eben diese Gefahr eingrenzen zu können?

Wer also eine vergebliche Schatzsuche der Protagonisten und die Suche nach einem längst ausgestorbenen Vogel mit der eigenen Suche nach den Symbolen in dieser Erzählung gleichsetzen möchte, ist hier bestens aufgehoben. Auf 276 (!) Seiten, die sich flüssig lesen lassen, gibt es hierzu mehr als genug Gelegenheit. Der Anhang ist übrigens auch sehr empfehlenswert.

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