Cash I see a darkness

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Eine Biografie eines (zugegeben) berühmten Country Musikers als Comic? Muss das sein? Funktioniert das überhaupt? Ist Cashs Biografie nicht längst erzählt?

Nun, die ersten beiden Fragen kann ich rasch bejahen. Für die Beantwortung der dritten Frage muss ich etwas differenzierter vorgehen. Klar, Cashs Biografie wurde in diversen Medien bereits ausführlich erzählt. Schließlich gab es ja auch den in jeder Hinsicht erfolgreichen Film Walk the Line.

Doch Reinhard Kleist findet scheinbar mühelos seinen eigenen Weg und beschreitet ihn mit und in seinem Comic konsequent. Dies gelingt ihm, indem er die ohnehin weitläufigen bekannten Eckpfeiler von Cashs Biografie zwar in den Plot einbaut, aber nicht in den Vordergrund stellt. Vielmehr findet er seine eigenen Schwerpunkte. Erzähler der Story ist folglich auch nicht Cash, June Carter oder Cashs Sohn, sondern Glen Sherley, der das Greystone Chapel schrieb und Häftling des Folsom Prison, in dem Cash sein wohl berühmtestes Konzert gab. Primär ist also der Plot auf Cashs künstlerischen Höhepunkt ausgerichtet.

Dabei macht Kleist keinen Hehl daraus, dass es auch tiefe Abgründe in Cashs Leben gab wie seine Amphetaminsucht. So wurde er auch einmal festgenommen, als er versuchte, Amphetamin Tabletten von Mexiko in die USA einzuschmuggeln. Gleichzeitig war er während der Zeit seiner Abhängigkeit musikalisch wohl unschlagbar. Rührseligkeiten finden keinen Platz. Kleist erzählt die Wahrheit ungeschminkt.

Seine schwarz-weiß (wie es sich für eine Biografie des Man in Black gehört) Zeichnungen bestechen dabei durch eine derartige Dynamik, dass sie den Leser auf die Reise durch Cashs Biografie mitreißen. Besonders hervorzuheben sind die Passagen, in denen Kleist durch Cash Songs wie Big River, Don’t take your gun to town, A boy named Sue oder The Ballad of Ira Hayes für den Leser so visualisiert, dass man das Gefühl hat, sie wirklich zu hören. So beinhaltet auch der Prolog den Folsom Prison Blues, der den Kreis mit dem Konzert in dem berühmten Knast schließt. Dies ist ein ganz wesentlicher Punkt, warum dieser Comic so gut funktioniert, denn Kleist transportiert den erzählerischen Aspekt dieser Songs, den Cash selbst auch immer wieder betont hat, in die Neunte Kunst und liefert ihn mit ungeheuer perfektem Timing beim Leser ab. Doch Kleist beeindruckt auch mit leisen Momenten wie dem Panel, in dem der betagte Cash mit traurigem Blick über das Portrait von June Carter, die nur rund 4 Monate vor ihm an den Folgen einer Herzoperation verstarb, streicht.

Die Erzählung beginnt in Cashs Kindheit, in der seine Eltern ein Stück Land in der Gegend des Mississippi erhielten, über den Unfalltod seines Bruders, seine ersten Aufnahmen, seine Auftritte bis hin zu seinem erstaunlichen Comeback unter dem Hip Hop Produzenten Rick Rubin J.C.

Doch egal, welches Kapitel von Cashs Leben Kleist aufschlägt, er bewahrt sich immer eine gewisse Distanz, ohne den Respekt vor dem Künstler und dem Menschen, Johnny Cash, zu verlieren und ohne ihn zu glorifizieren, aber dennoch Cashs Sarkasmus immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Dies ist zweifellos ein Drahtseilakt, den Kleist angenehm unangestrengt meistert.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Johnny Cash seine Comic Biografie vom Himmel aus betrachtet und sie lächelnd liest.

 

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