Der Boxer

Reinhard Kleist - Der BoxerNach dem Buch Eines Tages werde ich alles erzählen von Alan Scott Haft  hat Reinhard Kleist einen unglaublich mitreisenden Comic geschaffen. Hierin erzählt Kleist  das scheinbar unglaubliche Leben von Hertzko Haft, der sich gemeinsam mit seinen Brüdern in den ersten Kriegsjahren mit kleinen Schmugglereien über Wasser hält. Doch das System der Besatzer wird in seiner Perversion mehr und mehr perfektioniert, so dass sich Hertzko gezwungen sieht, seinen Bruder vor der Zwangsrekrutierung zu retten. So beginnt für Hertzko eine Reise durch die KZ des Dritten Reiches. Dass er diese überlebt, liegt daran, dass er an Schauboxkämpfen teilnimmt und diese gewinnt. Er boxt sich förmlich durchs Leben. Dabei wird er immer angetrieben, seine Leah und auch seine Familie eines Tages wiederzufinden.

Die Zeichnungen sind dem Inhalt angemessen düster, schwarz-weiß und manchmal sogar brutal. Diese Brutalität in der Darstellung braucht Kleist, um die menschenverachtenden Kämpfe sowie ihre Dynamik zum Leser zu transportieren. Entwaffnend ist dabei, dass gerade diese Passagen gänzlich ohne Text auskommen und so noch schonungsloser wirken.

Als Haft schließlich den Holocaust überlebt, wandert er in die USA aus. Dort wird er Profi-Boxer und sogar Herausforderer von Rocky Marciano. Ob dieser Kampf wirklich von der Mafia manipuliert wurde, sei dahingestellt. Zweifellos war Marciano einer der größten Boxer aller Zeiten, aber es ist auch bekannt, dass die Mafia das Wettgeschäft um das Boxen kontrolliert und dabei möglichst wenig dem Zufall überlassen hat. Doch das ist auch an dieser Stelle nicht weiter wichtig. Wichtig ist vielmehr, dass dieser Kampf nicht spurlos an Hertzko vorübergegangen ist. Ich möchte hier aber nicht auf die weitere Handlung eingehen, weil ich befürchte, dass ich dem (Neu-) Leser die Intensität der Erzählung wegnehmen würde. Es sei nur verraten, dass das dann folgende Ereignis im Leben Hafts ohne die Niederlage gegen Marciano nicht möglich gewesen wäre.

Auch als Profi kann Haft schließlich seine Erlebnisse aus den Schaukämpfen in den KZ nicht ablegen. Immer wieder durchlebt er einige Szenen dieser Zeit in seinen Kämpfen. Er kann die damals erlittenen, aber auch ausgeteilten, Schläge, die ihn beide gleichfalls zu schmerzen scheinen, nie völlig ablegen.

Bis heute gibt es kein konkretes Bildmaterial aus den ehemaligen KZ. Konsequenterweise liefert auch Kleist solche Bilder nicht ab, sondern gestaltet diese Panel schemenhaft und lässt diese sich dabei nahezu auflösen. ein wirksamer, wie genialer, Kniff!

Aufgefangen wird der Plot durch eine Rahmenhandlung, die nicht nur das schwierige Vater-Sohn-Verhältnis beschreibt, sondern auch Haft differenziert darstellt. Zweifellos ist er nicht nur gezeichnet, sondern auch innerlich gebrochen. Ursache hierfür ist zweifelsohne nicht nur der Aufenthalt in den diversen KZ an sich, sondern primär die Arbeit an den Verbrennungsöfen. Dies mag seinen Jähzorn, den er bisweilen auch gegen seine Familie richtet, erklären, aber nicht wirklich entschuldigen. Hinzu kommt noch eine gewisse Hilflosigkeit, die dadurch verursacht ist, dass Haft nie richtig Lesen und Schreiben lernen konnte. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch das Leitmotiv der vorliegenden Graphic Novel, das auch Bestandteil der literarischen Grundlage ist: Eines Tages werde ich alles erzählen. Hertzko Haft hat tatsächlich rund 40 Jahre benötigt, bis er sich öffnen und seine Lebensgeschichte seinem Sohn erzählen konnte.

Ich weiß nicht, wie Kleist auf die Idee gekommen ist, ausgerechnet diese Biographie für die Neunte Kunst zu adaptieren, aber hiervon profitieren sichtlich alle Seiten.

Der Band wird durch einen Bericht von Martin Krauß zu jüdischen Boxern in KZ abgerundet. Irgendwie ist es erstaunlich, dass dieser Aspekt des Dritten Reiches bisher weitgehend unerforscht geblieben ist. Vielleicht ändert sich dies ja jetzt.

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