Schattenspringer²: Per Anhalter durch die Pubertät

 Nach dem Überraschungserfolg  Schattenspringer aus dem Frühjahr letzten Jahres ist es nur logisch und konsequent, dass Daniela Schreiter ihren Schattenspringer fortsetzen darf und uns so weitere Einblicke in ihre Welt gibt.

Bereits in ihrem Vorwort weist Daniela Schreiter darauf hin, dass sie sich in ihrer Fortsetzung erwachseneren Themen widmet. War also in Teil # 1 vorwiegend die Kindheit Thema ihrer Erzählung, so widmet sie sich nun der Jugend und ihrer Studienzeit.

Nun ist die Pubertät schon an sich eine komplizierte Angelegenheit. Bei einer Asperger-Autistin verkompliziert sich dies. Ebenfalls in ihrem Vorwort bezeichnet Daniela den Prozess des Erwachsenwerdens u.a. als „Hormone, die im Körper eine Dauerparty schmeißen, auf die man nicht eingeladen wurde“. Ich würde sogar ergänzen, dass man zu dieser Party ebenso wenig eingeladen hat und die trotzdem im eigenen Körper stattfindet. Was also schon für jeden Jugendlichen eine Herausforderung darstellt, ist für einen Autisten eine zusätzliche Herausforderung, da sich noch einige weitere Aspekte zu dieser Party gesellen.

All dies schildert Daniela einmal mehr eindrucksvoll. Sie bewahrt sich dabei den Humor, den wir schon in ihrer ersten Erzählung schätzten, obwohl unverkennbar ist, dass die Themen an sich ernster und erwachsener werden. Es ist dann auch die Ausgewogenheit zwischen Nachdenklichkeit und Humor, die auch in diesem Band voll überzeugt. Wie soll man versteckte oder ironische Anspielungen verstehen, wenn man doch zunächst alles wörtlich nimmt? Oder wie soll man körperliche Berührungen aushalten, wenn man solche Momente überempfindlich wahrnimmt? All diese Probleme beschreibt Daniela transparent und für den Leser nachvollziehbar.

Neben den Schwierigkeiten, sich bisweilen auf dem Uni Campus zu orientieren und die aufgrund des Asperger Autismus verstärkt wahrgenommenen Nebengeräusche bei einer Uni Vorlesung wegzufiltern, um der Vorlesung folgen zu können, spitzt sich die Erzählung auf 2 Ereignisse zu. Da wären die erste Beziehung bzw. der erste Sex und natürlich auch ihre Diagnose, die viel länger auf sich warten ließ, als ich mir das hätte vorstellen können. Sie leitet diesen Part ihrer Erzählung mit ihrem typischen Humor mit einem simplen Hinweisschild Ärzte-Marathon Start hier ein. Daran schließt sich noch die Phase der Akzeptanz an, die auch einem gewissen Prozess unterliegt. Schließlich will man ja „normal“ sein und mit einer Krankheit, die zu der Zeit bestenfalls aus Rain Man bekannt war, nichts zu tun haben. Doch auch diese Klippe meistert Daniela, indem sie aus ihrer Not eine Tugend macht bzw. ihre Tugenden nutzt, um mehr über Asperger Autismus zu recherchieren. Schließlich stellt sie fest, dass sie nun angekommen ist.

Auch ohne die entsprechende Anmerkung im Vorwort wird schnell klar, dass Daniela den Douglas Adams Roman Per Anhalter durch die Galaxis gelesen hat. Sie trifft auf ihr eigenes Ich aus der Zukunft, trägt ein Shirt mit dem Aufdruck 42 und ihre Suche nach ihrer Identität, die in ihrer Diagnose mündet, kommt der Suche nach dem Restaurant am Ende des Universums gleich.

Ständiger Begleiter ist ein Fuchs, der für ihren permanenten inneren Monolog steht und für sie die scheinbar besten Entscheidungen trifft. Er puscht sie, wenn sie Antrieb benötigt, und fährt sie runter, wenn sie mal wieder offenbar über ihre Kräfte hinausgeht.

Man muss Teil # 1 nicht zwangsläufig gelesen haben, um den vorliegenden Band zu verstehen, aber es eröffnet doch an der einen oder anderen Stelle ein tieferes Verständnis für die Dinge, mit denen sich Daniela auseinandersetzt bzw. denen sie zwangsläufig begegnet. Es zeugt dann schon von großem analytischen Verständnis wie auch Erzählkunst, wie sie humorvoll ihre guten alten Bekannten Overload, Shutdown und Meltdown auf nur einer Seite beschreibt.

Ohne Frage verarbeitet Daniela mit ihren Erzählungen auch ihre Erlebnisse aus Kindheit und Jugend. Vor allem aber nimmt sie ihre Leser mit in ihre Welt. Und wenn man sich auf die Reise durch ihr Universum mitnehmen lässt, sollte man immer ein Handtuch dabei haben.

Das Artwork ist bis auf die ersten 8 Seiten durchgehend in schwarz-weiß gehalten. Ihre Fähigkeit, den verschiedenen Charakteren, Emotionen in die Mimik zu zaubern, hat Daniela zweifellos noch weiterentwickelt.

Schattenspringer² schafft das, was ich nicht für möglich gehalten habe. Daniela erlaubt einen noch tieferen Blick in ihre Wahrnehmung der Dinge. Ich bin überzeugt, dass auch die Fortsetzung ein ähnlich großer Erfolg wie der Vorgängerband wird. Unabhängig von jedem kommerziellen Erfolg, der ohne Frage wichtig ist, können beide Bände ein völlig anderes, realistisches Bild von Asperger Autismus in unserer Gesellschaft prägen.

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