Zehn Gebote # 5: Verzweiflung und Skrupel

 Nach dem christlichen Glauben hat Moses die 10 Gebote am Berg Sinai direkt von Gott empfangen und auf Steintafeln geschrieben.

Folgt man Giroud, hat auch Mohamed 10 Gebote für den Islam hinterlassen und auf Kamelknochen geschrieben.

Giroud hat auf dieser Basis eine Comicserie mit jeweils unabhängigen und sich auf die einzelnen Gebote beziehenden Plots geschrieben. Die deutsche Ausgabe ist bei comicplus erschienen.

Das fünfte Gebot lautet: Vergib Deinen Feinden!

Ein zarter Hauch von Romeo und Julia wirkt im 5. Band von Girouds wunderbarer Serie. Missak Zakarian, ein Kurde, musste als Junge mit ansehen, wie seine Familie von Selim Güney, einem Türken, hingerichtet wurde. Einige Jahre später schließt er sich in Berlin einer kurdischen Untergrundbewegung, um den Mörder seiner Familie zu töten. Doch es kommt, wie es kommen musste. Er verliebt sich in die Tochter seines Ziels.

Mit dieser Story bewegt sich nun Giroud nun auf dem Boden des Dramas. Dabei folgt er zunächst strikt dem Aufbau des Regeldramas. Die handelnden Charaktere werden eingeführt. Dabei zeigt er einmal mehr, dass er es versteht, auf nur wenigen Seiten seinen Charakteren ein Profil zu verleihen und sie so handlungsfähig zu machen. Dabei kündigt sich der Konflikt zwischen den einzelnen Charakteren, die, ohne es zu wissen, in einer Dreiecksbeziehung stehen, an.

Die Situation um Missak verschärft sich, als ihm wegen seiner Liebe zu Ayla Zweifel an seiner Tat kommen.

Den Klimax erreichen wir schließlich in der Bibliothek, als Missak bei seinem Attentatsversuch scheitert.

Und genau nach diesem Scheitern setze ich mit meiner Kritik an, die zugegeben „Meckern auf hohem Niveau“ ist. Als Missak nach seiner Festnahme von den Mitgliedern der kurdischen Untergrundbewegung befreit wird, verläuft mir dies zu glatt. Klar, Giroud wollte hier kein neues Fass aufmachen, aber dennoch ist sein Plot an dieser Stelle voller kleiner Löcher. Wie konnten die Kurden von dem Gefangenentransport erfahren? Und wieso griffen sie nun plötzlich so beherzt ein und hielten sich in der Bibliothek zurück, wo die Gelegenheit, sich an Güney zu rächen, trotz der drohenden diplomatischen Verwicklungen viel günstiger gewesen wäre?

Giroud verlangsamt dann seinen Plot. Dies nutzt er, um uns die Ereignisse in der Bibliothek durch Missak zu erklären und gleichzeitig konsequent auf die „Katastrophe“ hinzuarbeiten. Diese folgt dann im Abschluss, als Missak erneut auf Güney trifft. Doch anders als im klassischen Drama kommt es nicht zur „Reinigung“ der Charaktere. Interessanterweise bricht Giroud zugunsten der Glaubhaftigkeit der Story mit den Vorgaben des Dramas. Eher gehen die Charaktere nunmehr beschädigt aus den Ereignissen hervor, die sich auch immer wieder um das sagenumwobene Buch Nahik drehen. Und natürlich wird Nahik am Ende der Story einmal mehr den Eigentümer wechseln. Schließlich wird auch offengelegt, wer dem fünften Gebot folgen kann und wer nicht.

Zum Gesamtkonzept der Serie gehört weiterhin, dass wir weiter in die Vergangenheit reisen. Wir befinden uns diesmal also im Berlin des Jahres 1922. Der Stahlhelm versucht im Kampf gegen die Linken trotz des 2 Jahre zuvor gescheiterten Kapp-Putsches, die Straßen für sich einzunehmen. Wir alle wissen, wie das ausgehen und wohin dies führen sollte.

Somit befinden wir uns also fast in der Mitte dieser wunderbaren Serie. Warum denn aber Band # 5 bei einer auf 10 Teile ausgelegten Serie dann doch nicht ganz die Mitte ist, werde ich im Laufe der fortlaufenden Rezensionen zu gegebener Zeit noch erläutern.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s