Veilchenblau

Veilchenblau - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Ein Mann erinnert sich an seine Kindheit, als er wegen eines ausgerenkten Schultergelenks einen Osteopathen aufsuchte, der der Masseur von Al Capone war.

Einige Zeit später, als sein Arm längst wieder verheilt war, traf er den Osteopathen zufällig wieder.

 

Erinnerung ist das zentrale Thema von Violent Cases, wie Veilchenblau im Original heißt. So blickt der Erzähler auf seine Kindheit zurück. Er betont zwar, dass er als Kind nicht misshandelt wurde, aber im Laufe der Story wird klar, dass sein Vater einiges getan hat, das man als bedenklich bezeichnen muss.

Der Osteopath wird wiederum zunächst aus der Erinnerung des Vaters beschrieben. Offenbar ist er osteuropäischer Abstimmung, was sein Akzent verrät. Der Erzähler erinnert sich an einen freundlichen Mann, der eine Brille trug und eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Eule hatte.

Bei seinem zweiten Treffen wird der Osteopath von drei Männern abgeholt. Offenbar hat er als Masseur Capones zu viel gesehen, was anderen schaden könnte.

Erinnerungen sind immer sehr individuell zu betrachten. Noch komplizierter wird es, wenn die Erinnerungen des Vaters und des Sohnes, die allein schon aufgrund des Altersunterschiedes eine völlig unterschiedliche Wahrnehmung haben, aufeinander prallen. McKeans Zeichnungen geben diese Momente perfekt wieder als eine stete Mischung aus Detailgenauigkeit, skizzenhaften Panels sowie kontrastreichen Zeichnungen zwischen Abstraktion und Realismus.

Neben Erinnerungen gibt es in der vorliegenden Story noch ein zweites Leitmotiv. Hierbei handelt es sich um Sterne. Ein Stern blitzt im Brillenglas des Osteopathen auf, als er dem Erzähler sagt, dass sie sich wiedersehen werden. Oder die Sonne reflektiert auf einer Radkappe bzw. das Lächeln von Leuten erzeugt einen solchen Effekt. Eine besonders wichtige Rolle spielt ein Stern in einer Anekdote, die der Erzähler außerdem in der vorliegenden Story eröffnet.

Die vorliegende Story ist daher bemerkenswert, weil es sich um einen der ersten Ausflüge Neil Gaimans in die Welt der Comics handelte und weil es sich um die erste Zusammenarbeit von Gaiman und McKean handelte – eine Zusammenarbeit, die nicht nur den Weltruhm der beiden begründete, sondern auch bis heute andauert.

Der Erzähler selbst bleibt anonym. Vielleicht ließ es sich McKean gerade deswegen nicht nehmen, eine gewisse äußere Ähnlichkeit zwischen Erzähler und Gaiman herzustellen. Da Violent Cases zunächst als Kurzgeschichte konzipiert war, hatte McKean beim Layout der Panel weitgehend freie Hand. McKean gelingt es, Erinnerungen als das wiederzugeben, was sie sind – ein Mix aus Realität, Träumen und Fiktion. Gaiman und McKean gelingt es so, mehrere Erzählebenen miteinander zu verbinden. Dies ist auch das, was diesen Comic so außergewöhnlich erscheinen lässt, denn das Grundkonzept der Story erscheint eher bekannt.

Stellenweise geht es in dem Comic ordentlich zur Sache, auch wenn die Darstellung solcher Szenen immer wieder verfremdet wird. Die zart besaiteten Gemüter unter uns werden dennoch wahrscheinlich den Comic weglegen oder diese Passagen überblättern. Allerdings handelt es sich neben der Darstellung des schwierigen Vater-Sohn-Verhältnisses um ein Mafia Epos und da kann es schon mal krachen.

Die Story wurde zunächst 1987 in England in schwarz-weiß veröffentlicht. Erst die Ausgabe, die 1991 in den USA publiziert wurde, war ebenso wie die vorliegende farbig und brachte McKeans Artwork so richtig zur Geltung, da hierdurch klar wird, dass Erinnerungen oft schemenhaft und nicht greifbar sind. Daher ist die Farbpalette, auf die McKean zurückgreift, auch eingeschränkt.

Der Titel der Story basiert u.a. darauf, dass Gangster, die auch eine Rolle in der Story spielen, dafür berüchtigt waren, Maschinenpistolen in Geigenkästen zu tragen. Ein zweiter Ansatz für den Titel weist auf einen blauen Fleck am Arm des Jungen hin. Der deutsche Titel ist in jedem Fall grausig gewählt und wird dem Wortspiel nicht mal ansatzweise gerecht. Man hätte es beim Originaltitel belassen sollen.

Harsche Kritik erntete Nona Arte, der längst schon wieder von der Verlagslandschaft verschwunden ist, für die Verarbeitung des Bandes. Allein schon beim Öffnen des Hardcovereinbandes ist ein lautes Knirschen und Knacken zu hören. Lest diesen Band also nie neben eurer schlafenden Partnerin oder eurem schlafenden Partner. Das könnte Ärger geben. Bei einigen Bänden klaffte der Einband darüber hinaus deutlich ab. Das T3 hatte seinerzeit 3 Exemplare bestellt, von denen ich mir den Einäugigen unter den Blinden aussuchen durfte. Ein Exemplar war für den Verkauf schlichtweg ungeeignet. Ein Grund für das Scheitern von Nona Arte war bestimmt die mangelhafte Verarbeitung des Premierenbandes. Leider wurde diese Verarbeitung seitens des Verlages auch nie eingeräumt. Dies ist bestimmt ein Grund, wenn nicht der Grund, warum sich der Comic weit unter Wert verkauft hat.

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