Allein unter allen

Mit der vorliegenden Graphic Novel verarbeitet Miriam Katin ihre Kindheitserlebnisse.

Als Kind lebt sie mit ihrer Familie in Budapest, als in Folge des Krieges ihre Familie entzweit wird und sich ihre Mutter als ungarische Jüdin von den Nazis verfolgt mit ihr durchschlagen muss. Auf ihrer Flucht gibt sich die Mutter als mittellose Magd aus, um unentdeckt zu bleiben.

Dabei bleibt das Schicksal des Vaters aufgrund der schwierigen Nachrichtenlage lange ungewiss.

Die Schlinge der Nazis, die die Juden nach und nach und immer schneller in Konzentrationslager bringen, zieht sich immer enger um Miriam und ihre Mutter.

Ihnen gelingt die Flucht, da sie jemanden bezahlen können, der ihnen eine Adresse vermittelt, an die sie sich wenden können. Dort leben sie in einfachsten Verhältnissen auf dem Land, aber sind doch für eine gewisse Zeit sicher. Die Notwendigkeit zur Flucht wird dadurch für den Leser an 2 Beispielen dargestellt. Juden mussten ihre Haustiere abgeben, was gerade die kleine Miriam traumatisiert hat und ihre Möbel inventarisieren, bevor sie abgeholt werden.

Auf ihrer Flucht treffen Miriam und ihre Mutter immer wieder auf hilfsbereite Menschen, die ihnen teils aus Menschlichkeit, teils aus selbstsüchtigen Motiven helfen. So muss Miriams Mutter ihren Körper an einen Nazi Kommandanten verkaufen, damit er sie nicht verrät. Natürlich kann die junge Miriam nicht einschätzen, warum ihre Mutter immer wieder weinen muss. Tatsächlich weint die Mutter manchmal vor Verzweiflung und manchmal vor Glück, weil sie mal wieder eine Chance sieht, mit Hilfe guter Menschen den Nazis zu entkommen.

Doch auch nach Befreiung und kurz vor Kriegsende sind Mutter und Tochter längst nicht gerettet oder gar in Sicherheit, denn die Rotarmisten vergewaltigen alle Frauen in dem Dorf, in dem Miriam und ihre Mutter untergekommen sind. Als dann auch noch ein russischer Soldat tot im Bett der Mutter liegt, müssen sie erneut die Flucht ergreifen.

Katin zeichnet ihre Graphic Novel mit einem flüchtigen Strich, ähnlich flüchtig, wie Kindheitserinnerungen nun einmal sind, insbesondere dann, wenn sie das Auffassungsvermögen eines Kindes bei Weitem übersteigen und ein Kind um seine unbeschwerte Kindheit betrogen wird. Katin verarbeitet ihre Erinnerungen, wobei dies zu relativieren ist. Miriam Katin ist am Ende der Story 3 Jahre alt und ihre Graphic Novel basiert dabei wesentlich auf den Erzählungen ihrer Mutter, was sie auch im Nachwort klarstellt.

Sie klagt nicht an, obwohl sie allen Grund dazu hätte. Vielmehr verarbeitet sie das Erlebte bzw. Erzählte. Wie es sich für Erinnerungen gehört, sind diese in schwarz weiß mit Schmuckfarbe Rot gehalten. Nur wenn Katin an einigen wenigen Stellen in die Gegenwart springt, sind die Panels mit Buntstift in fröhlichen Farben koloriert. Neben der Tatsache, dass Katin das Durchlebte erzählen kann, sind diese kolorierten Panels eindeutige Hinweise darauf, dass die Geschichte schließlich „gut“ ausgeht.

Doch auch Miriam Katin, die heute selbst Mutter ist und in den USA lebt, hat ihren Preis bezahlt. So, wie sie als Kind nicht verstehen konnte, warum ihre Mutter weint, hat sie bis heute nicht verstanden, wieso Gott solch eine Welt zuließ und hat so ihren Glauben verloren. Dies verdeutlicht sich an dem Beispiel, dass sie als Kind zunächst glaubt, dass sie nur häufig und intensiv genug beten muss, damit Gott ihren Hund zurückbringt. Verstärkt wird dies durch den Moment, in dem ihre Mutter notgedrungen die Familienbibel verbrennt, um sich nicht doch als Jüdin zu enttarnen.

Der Vater findet zwar in den Irrungen und Wirrungen nach Kriegsende wieder zu ihnen, aber der Rest der Familie ist umgekommen.

Natürlich gibt es mittlerweile sehr viel Material aus der Zeit des 2. Weltkriegs und ich denke, dass es auch noch mehr Material geben wird. Neu ist jedoch, dass das Geschehen aus der Sicht eines Kindes erzählt wird und so wird diesen Erzählungen eine neue lesenswerte Facette hinzugefügt.

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