Die kleine Familie

Wer von uns erinnert sich nicht gern an die Zeit, die er (vielleicht vornehmlich in den Ferien) mit den Großeltern verbracht hat? Vielleicht war es gerade diese Zeit, die Loic Dauvillier zu diesem wundervollen Comic inspiriert hat.

Für die Kinder gibt es jedenfalls nichts Größeres, als die Großeltern auf dem Land zu besuchen. Dort können sie unbeschwert herumtoben oder beispielsweise mit Oma die Hühner füttern. Lediglich Opa erscheint etwas mürrisch und daher etwas unnahbar. Doch genau das soll sich im Laufe des Besuchs ändern. Sie gehen mit ihm angeln und werden vorher auf der Weide von einer wütenden Kuh verfolgt. Das schweißt nicht nur zusammen, sondern knackt alle Barrieren. So merkt besonders der Enkel, dass unter der harten Schale der so oft zitierte weiche Kern steckt. Natürlich sind sich die Großeltern nicht immer Grün. Es ist das typische Verhalten eines Ehepaars, das einen Großteil des Lebens gemeinsam verbracht hat und sich daher zwangsläufig ab und an aneinander reiben muss.

Doch auch dieses scheinbar perfekte Idyll ist nur geliehene Zeit. Opa erleidet einen Herzanfall, von dem er sich nicht mehr erholen soll und schließlich verstirbt.

Natürlich greift Dauvillier auf jede Menge Klischees zurück. Wir haben eine perfekte Familie mit einem Jungen und einem Mädchen. Die Großeltern leben auf dem Land – weit entfernt von Paris. Die gütige Oma und der scheinbar mürrische Großvater sind auch Charaktere, die wir in verschiedensten Werken erleben durften.

Dennoch ist Dauvilliers Werk etwas ganz Besonderes. Dies liegt daran, dass es eine ungemein erzählerische Tiefe aufweist und damit auch weder mit den Klischees spielt oder sie einfach nur pflegt. Er entwickelt sie weiter. Hierzu gehört auch der Onkel der Kinder, der jeden Blödsinn mitmacht und für den Enkel mehr ein großer Bruder als eben „ein Onkel“ ist. Er bringt Opa sogar dazu, mit ihnen im Garten Fußball zu spielen.

So ist es nicht verwunderlich und nur logisch erzählt, dass sich der Enkel wegen der Herzattacke seines Opas schlimmste Vorwürfe und sich schließlich sogar verantwortlich für seinen Tod macht. Gleichzeitig lernt er eine der bittersten Lektionen, die das Leben zu bieten hat. Er muss von einem Menschen Abschied nehmen, ohne sich je richtig verabschieden zu können. immer wieder betont er, dass er Opa „noch so viel zu erzählen habe“. Doch die kleine Familie macht im Endeffekt das, was wir machen müssen. Wir leben weiter, ohne diese Menschen zu vergessen und ihr Andenken zu bewahren. Hierfür steht symbolisch das Foto, das der Enkel geschenkt bekommt und seinen Opa als jungen Fußballer zeigt. Es ist dann im Übrigen eine weitere Lektion, die der Enkel lernt und die den Leser schmunzeln lässt, als er auf einem Film sieht, dass sein Opa mal ein junger Mann war. Ich gebe hier gerne zu, dass ich mich ein wenig ertappt fühlte.

Marc Lizano hat dies zeichnerisch sehr einfühlsam umgesetzt. Anatomisch nicht völlig korrekt sind die Köpfe der Charaktere unproportional  groß. Doch genauso würde ein Kind die Figuren zeichnen und schließlich ist es ja auch der Enkel, der uns die Geschichte seiner kleinen Familie erzählt. Zu der Stimmigkeit des vorliegenden Bandes gehört auch, dass die Captions in einer scheinbar leicht ungelenken Schreibschrift gehalten sind.

Die kleine Familie ist folglich ein Comic, der die Leser generationenübergreifend anspricht. Der schicke HC Einband sorgt überdies dafür, dass er sich auch recht gut unter dem Weihnachtsbaum macht.

2 Gedanken zu “Die kleine Familie

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