isoundwords # 30: Die Eine über Väter und Söhne

Als ich diese Kolumne schreibe, musste ich leider erfahren, dass Glenn Frey, einer der Mitbegründer der Eagles verstorben ist. Glenn Frey war für den Country Einschlag der Eagles verantwortlich. Ich bin stolz und glücklich, dass ich die Eagles vor ein paar Jahren auf ihrer „Road to Eden“ Tour in Köln erleben durfte. Zufällig hatte ich vor ein paar Wochen ein Interview mit Don Henley gelesen, der ein Comeback der Eagles nahezu kategorisch ausschloss. Ich denke, den Grund kennen wir nun.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder, der sich auch nur ansatzweise mit Comics „Made in Germany“ befasst, schon mal über Vater und Sohn gestolpert ist. Es handelt sich hierbei um einen Kult-Comic aus den 30er Jahren, der von e.o. Plauen gezeichnet wurde. Hinter diesem Pseudonym verbarg sich Erich Ohser aus Plauen. Bekannt wurde er als Buchillustrator (u.a. für niemand Geringeren als Erich Kästner) sowie als Karikaturist. Seine Karikaturen von Hitler und Goebbels waren dann dafür ausschlaggebend, dass er im 3. Reich nicht mehr unter seinem Klarnamen veröffentlichen durfte. So kam es zu dem Pseudonym. Im Dezember 1934 erschien dann der erste von insgesamt Strips in der Berliner Illustrirten Zeitung. Dort sollten die Strips in deutscher Konkurrenz zu Micky Maus stehen. Oberflächlich betrachtet waren die Strips die perfekte Umsetzung von Nazi Propaganda. Vater und Sohn pflegten ein mehr als nur inniges Verhältnis, also das perfekte Familienidyll. Tiefgründig betrachtet handelte es sich bei dem Sohn um ein Einzelkind und auch der Vater durfte mit seinem Bauchansatz und hoher Stirn nicht den Idealvorstellungen des Regimes entsprochen haben. Auch die Mutter tauchte in nur einem der zahlreichen Strips auf (Der Pilz). Auch das Auflehnen gegen Autoritäten (wie z.B. Ein hoffnungsloser Fall) , das natürlich immer völlig harmlos verlief, war durchaus ein Thema in den Strips.  Man darf dies also auch heute noch als versteckte Kritik auffassen, die trotz der direkten Überwachung des Regimes aber nie wirklich auffiel. Ich denke, der Charme der Geschichten hat dies schlichtweg überdeckt. Damit das Konzept der Serie auch darüber hinaus aufging, war dann auch zumeist der Vater der größere Kindskopf (wie z.B. Der Friedensstifter). Die Tragik der Geschichte liegt darin, dass die Strips so populär wurden, dass die Nazis sie für ihre Propagandazwecke einspannen wollten. So mussten Vater und Sohn beispielsweise Kleidung für die Arbeiterwohlfahrt sammeln. Da zog Erich Ohser die Reißleine und stellte die Strips ein. Es war also folglich die Popularität der Strips, die zur Einstellung führte. Generell führt heutzutage eher das Gegenteil zur Einstellung einer Serie o.ä.. Erich Ohser wurde dann von seinem Nachbarn Bruno Schultz wegen regimefeindlicher Äußerungen denunziert, was zu seiner Verhaftung am 28. März 1944, also rund ein Jahr vor Kriegsende, führte. In der Nacht vor dem Prozessbeginn erhängte sich Erich Ohser in seiner Gefängniszelle. Der mit ihm befreundete und am selben Tag verhaftete Erich Knauf wurde zum Tode verurteilt und im Mai 1944 hingerichtet.

Zu Ohsers Nachlass zählten seine Vater und Sohn Geschichten. Da sie weitgehend ohne Text auskamen, wurden sie in aller Welt gelesen und das bis heute. Dies unterstreicht die Zeitlosigkeit der Geschichten.

Ich kam das erste Mal mit diesen Strips in Berührung, als mir meine Oma einen Band zu Weihnachten schenkte. Fragt mich bitte nicht nach der Jahreszahl, aber ich schätze, dass dies irgendwann zwischen 1973 und 1975 der Fall war. Nie werde ich vergessen, dass sie mir den Band mit den Worten „Das ist ein gutes Buch“ in die Hand drückte. Ich hatte damals nicht verstanden, was sie damit meinte und bin mir bis heute noch nicht ganz sicher, wie sie es gemeint hat. Meine Oma hat die anderen Comics, die ich damals gelesen habe, nie verteufelt. Im Gegenteil, sie war sogar mein Hauptsponsor. Dennoch muss da irgendwas gewesen sein, was sie besonders ansprach. Kannte sie den tragischen Hintergrund der Geschichten? Erst neulich habe ich deswegen auch in Vorbereitung dieser Kolumne ein langes Telefonat mit meinem Onkel geführt, das letztlich ohne konkretes Ergebnis blieb. Mein Onkel räumte lediglich ein, dass meine Oma immer für Überraschungen gut war und dass sie generell sehr wenig über die Zeit des 3. Reiches sprach. Ihr Mann war an der Ostfront und mein Opa hat mir oft davon erzählt, wie viel Glück er hatte, dass er den Wahnsinn überlebt hat. Währenddessen musste meine Oma immer wieder mit meiner Mutter, die damals auch noch im Kindergartenalter war, den Bombenkeller aufsuchen. Weiterhin war der Alltag von der Sorge um die nächste Mahlzeit bestimmt. Hierfür ging meine Oma oft auf den Schwarzmarkt und meine Mutter meinte einmal hierzu, dass man meiner Oma auf der Spur war und dass sie wohl verhaftet worden wäre, wenn der Krieg noch 2 Wochen länger gedauert hätte.

Als ich mit meinem Onkel das zuvor erwähnte Telefonat führte, tat meine Frau so, als höre sie nicht hin. Und doch fand ich dann unter’m Weihnachtsbaum die Gesamtausgabe der klassischen Geschichten in der wunderschönen Edition des Südverlags.

Im 6. Schuljahr sollte ich wieder auf die Vater und Sohn Geschichten stoßen. Hierüber freute ich mich, weil die mir zum größten Teil vertrauten Strips wie ein Heimspiel vorkamen. Doch ich hatte weit gefehlt. Wir sollten die Bilder beschreiben. All zu oft beschrieb ich aber, was zwischen den Bildern geschah. Ich hatte nie verstanden, warum ich das Offenkundige, was jeder sehen konnte, beschreiben sollte, wenn doch die Kunst solch einen Strip zu lesen, darin bestand, die Lücken zu füllen. Dies traf den Humor unseres Deutsch Lehrers nur teilweise und führte zu Abzügen in der Benotung. Heute weiß ich, dass ich recht hatte, auch wenn dies nach so vielen Jahren im Grunde belanglos ist.

Der geneigte Leser mag sich nun fragen, warum ich hier auf meine Oma und meine Schulzeit eingehe. Ich möchte damit eigentlich nur aufzeigen, dass es für mich durchaus eine emotionale Bindung zu den Vater und Sohn Geschichten gibt. Entsprechend war meine Skepsis groß, als ich in der Panini Vorschau las, dass es neue Vater und Sohn Geschichten geben sollte. Mir entwich sogar ein deutlich vernehmbares „Och nö!“, gefolgt von Wörtern wie „Blasphemie“ oder auch „hirnrissig“. Ich empfand die Fußspuren, die Erich Ohser hinterlassen hatte, als zu tief, als dass ihnen jemand auch nur ansatzweise folgen könnte. Doch irgendwann setzt sich dann selbst bei einem oberhessischen Sturkopf wie mir die Ratio durch. Gleichzeitig konnte ich auch eine gewisse Neugier nicht verleugnen. Nach Mailverkehr mit Alex Bubenheimer und der Ankündigung, dass Ulf K., der Zeichner der neuen Geschichten, einen Signiertermin in meinem Stammladen, dem T3 in Frankfurt/Main, abhalten sollte, war auch mein letzter Widerstand gebrochen. Leider konnte ich den Band mit Signatur nur bestellen und nicht zum Signiertermin erscheinen. Natürlich hat das funktioniert. Schließlich reden wir hier von Ekki und dem T3. Also holte ich den Band ab, las ihn sofort und war schlichtweg begeistert. Gerne weise ich auf das informative Vorwort von Andreas Platthaus hin, der gleichzeitig Mitglied des Beirats der Erich Ohser Stifung ist – eine Institution, die mir bis dahin gänzlich unbekannt war. Die Stiftung verwaltet den Nachlass des Künstlers und betreibt das Erich Ohser Haus, in dem man viele, noch erhaltene Arbeiten bewundern kann und das sich natürlich in Plauen befindet. Ich denke, es zählt zu meinen langfristigen Projekten, dieses Haus einmal zu besuchen.

Auf sehr einfühlsame Art und Weise haben Marc Lizano und Ulf K. die Vater und Sohn Geschichten mit neuen, aktuellen Themen versehen, was auch erforderlich ist, ohne den Charme der klassischen Geschichten zu vergessen. Und genau das hatte ich im Vorfeld für unmöglich gehalten. Zu dieser Einfühlsamkeit zählt beispielsweise, dass Lizano und Ulf K. exakt an der Stelle aufsetzen, an der Ohser seine Geschichten beendet hatte.

Ein weiterer Grund, warum auch die neuen Geschichten so gut funktionieren, liegt natürlich im Zeichenstil von Ulf K. Natürlich hat er einen viel klareren Strich als Ohser, dem man gerade hier den Karikaturisten anmerkt. Dennoch versteht es auch Ulf K., seine Figuren auf das Nötigste zu reduzieren und trotzdem gut aussehen zu lassen.

Nun hoffe ich, dass wir in absehbarer Zeit mehr Geschichten zu sehen bekommen.

Ein weiterer Lesetipp entfällt heute, da ich bereits auf die Besprechung der Neuen Geschichten von Vater und Sohn verlinkt habe.

Als Musikgruß gibt’s natürlich was von den Eagles. Und nein, es ist nicht Hotel California, sondern ein Lied, das Glenn Frey in den Vordergrund stellt.

Die nächste isoundwords wird am 26. Februar 2016 erscheinen und den Titel tragen: “Die Eine über wandelnde Universen und Klassiker.”

Bis dahin: Lest mehr Comics!

Das war für heute isoundwords.

2 Gedanken zu “isoundwords # 30: Die Eine über Väter und Söhne

  1. Die Väter und Söhne Comics kenne ich gar nicht, die Komplett Edition werde ich mir aber mal anschauen. Die Entwicklung mit diesen Editionen finde ich sehr spannend, auch wenn nicht vieles der alten Sachen wirklich zu mir will. Auf deine nächste Kolummne bin ich schon gespannt, vielleicht bringt sie etwas Klarheit in mein verwirrtes Comichirn. Viellecht geht sie an meinen Fragen aber auch vorbei. Grüße.

  2. Vielen Dank für Deinen Kommentar. Vater und Sohn ist schon ein wenig speziell, aber bietet auf den zweiten Blick mehr als man auf den ersten vielleicht ahnt.
    Vor der nächsten Kolumne habe ich mittlerweile fast selbst ein wenig Angst. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob ich das Thema inhaltlich in nur einer Kolumne behandeln kann oder ob ich da gar was splitten muss. Zum Glück habe ich ja noch etwas Zeit, um das Ganze gedanklich zu strukturieren. Was wären denn Deine Fragen? Möglich, dass mir solche Fragen durchaus helfen.

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