isoundwords 32: Die Eine über den Abstieg von Vertigo

Als ich diese Kolumne schreibe, wurden gerade Anschläge in Brüssel mit mindestens 10 Toten verübt. Wann hört dieser Wahnsinn endlich auf? Wann wird die heute existierende Menschheit endlich vernünftig? Wie werden die nachfolgenden Generationen über unsere Gegenwart denken? Und wann verstehen wir endlich, dass die bestehenden und künftigen Probleme nur gemeinsam und global angegangen und gelöst werden können und zwar unabhängig von Rasse, Hautfarbe und Religion?

Fragen, auf die ich weder eine Antwort habe, noch eine Antwort erwarte.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Es ist zwar schon einige Zeit her, aber noch nicht so lange, dass ich es bereits wieder vergessen hätte, dass ich ausschließlich Marvel gelesen habe. Doch irgendwann hat mich dies allein nicht mehr zufriedengestellt. Ich wollte meinen Comic Horizont erweitern. Neben den Publikationen des Splitter Verlags waren es vor allem Serien des DC Imprints Vertigo, die für die Erweiterung meines Horizonts sorgten. Und was gab es da für grandiose Serien, die Panini im Programm hatte! Gut, Panini hatte jetzt nicht das Monopol, alle Serien entdeckt zu haben, weil ein Teil dieser Serien schon bei Speed begonnen wurden, aber die Paninis haben mit ihren Veröffentlichungen neue Maßstäbe gesetzt und vor allem für eine Komplettveröffentlichung gesorgt. Und gerade solche Komplettveröffentlichungen sind für den Markt und seine Stimmung immer ungemein wichtig.

Als Flaggschiff kristallisierte sich dabei Sandman heraus. Gaiman erschuf eine Serie, die wohl eigentlich einem eigenen Genre und am ehesten noch dem Fantasy Genre zuzuordnen wäre. Mit Sandman hat der Comic eigentlich erst verstanden, was er überhaupt alles leisten kann. Und wer diese Serie noch nicht gelesen hat, sollte sich einen Ruck geben und mal einen ausführlichen Blick riskieren.

Doch auch damit nicht genug. Serien wie Preacher, Y the last man, DMZ, 100 Bullets und die kürzlich beendeten Fables haben mich mehr als nur begeistert. Hinzu kommen mit Transmetropolitan und Sweet Tooth 2 Serien, die ich für mich noch komplettieren muss und die ich auch sehr, sehr gerne lese.

Und solch eine Aufzählung dürfte nie V wie Vendetta oder gar Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger missen, auch wenn die Serien selbst kaum unterschiedlicher sein könnten. Vielleicht war diese Vielfalt auch ein Geheimnis von Vertigo.

Doch dies sind Serien, die längst oder auch erst kürzlich beendet sind. Bei Fables erscheinen noch Spin Offs, aber auch hier gilt, dass die Kernserie mit der epischen Ausgabe # 150 beendet wurde.

Aktuell folgt aber nichts. Mit Scalped gibt es noch eine Serie im Hintergrund, die vielleicht im Rahmen der geplanten TV-Serie vielleicht doch noch eine Chance bei uns hat. Daneben könnten auch die geplanten oder auch ausgestrahlten Serien wie Preacher, 100 Bullets oder auch Lucifer Vertigo zu einem Comeback verhelfen. Gerade bei Lucifer hat sich ja Panini bisher gegen eine Neuauflage gesperrt. Sollte ein Sender die Serie auch hier ausstrahlen, bin ich da doch mal optimistisch.

Vielleicht erliegt hier Vertigo dem Fluch der guten Tat. Wir erwarten von Vertigo halt immer wieder DIE besondere Serie. Solche Serien wachsen halt auch nicht auf dem Baum. Natürlich hat die Konkurrenz auch nicht wirklich geschlafen. Mark Millar, ein potentieller Vertigo Autor, veröffentlicht längst unter eigenem Label.

Auch mit dem Wechsel von Hellblazer und Swamp Thing ins DC Universum im Rahmen der New 52 musste Vertigo natürlich einen Aderlass über sich ergehen lassen. Dabei hat leider der gute, alte Hellblazer nicht mehr den Biss, den er in Vertigo noch hatte.

Mit Image ist allerdings ein Verlag gewachsen, der Vertigo längst das Wasser abgegraben hat und auch nicht müde wird, weiter das kostbare Naß abzugraben. Image hat natürlich mit Spawn und vor allem mit The Walking Dead 2 Titel im Programm, die viel Geld eingesammelt haben, und gegenwärtig dürften vor allem die Zombies auch mit der TV-Serie die Image Kassen klingeln lassen. Das gibt natürlich finanzielle Spielräume für Serien wie Morning Glories (auch wenn sie bei uns auf dem Markt aus für mich nicht erklärbaren Gründen aussortiert wurde), Saga oder auch Descender. Gerade Saga oder auch Descender sind dann doch überraschend bei Image erschienen, haben doch Brian K. Vaughan Y the last man und Jeff Lemire Sweet Tooth erfolgreich bei Vertigo veröffentlicht. Auch Brubaker ist mit seinem Velvet zu Image gegangen. In Deutschland ist Vertigo immerhin noch mit izombie präsent, das in den USA allerdings längst abgeschlossen ist.

Dies finde ich vor allem deswegen bemerkenswert, weil sich Vertigo auf dem US-Markt zunächst darüber etabliert hat, dass sie sich die besten Autoren für ihre Publikationen gesucht haben, während sich Image mehr auf die Zeichner konzentriert hat und nun die Finger nach den Top-Autoren ausgestreckt haben. Natürlich wird Image Autoren wie Brubaker, Lemire und Vaughan mit Geld dazu gezwungen haben, zu ihnen zu wechseln. Leider liegt dann der Verdacht nahe, dass Vertigo entweder nicht die Mittel hat oder aus anderen Gründen nicht mit Image in den Ring steigt. Vielleicht muss man es auch an Personen festmachen, denn Karen Berger war bis zu ihrem freiwilligen Rücktritt in 2013 eine Institution bei Vertigo und als Ansprechpartnern für die Künstler anerkannt und beliebt zugleich. Solch einen Ansprechpartner scheinen die Künstler nun in Eric Stephenson bei Image gefunden zu haben. Vielleicht hat Berger auch die Entwicklung vorausgesehen und die Reißleine gezogen. Man soll halt dann gehen, wenn es am schönsten ist.

Sicherlich konnte Vertigo mit Sandman Ouvertüre noch einmal punkten, aber die Veröffentlichung hat sich in den USA zu lange hingezogen, um an Image in irgendeiner Form zu kratzen. Auch die Gerüchte um neue Sandman Stories sorgen für Furore, aber irgendwann in naher Zukunft muss es sich zeigen, ob es sich wirklich nur um Gerüchte handelt oder doch Taten folgen.

Schielen wir nochmal kurz zu Marvel. Dort hat man sich über Jahre schwergetan, ein Gegengewicht zu Vertigo aufzubauen. Nach langen konzeptionellen Überarbeitungen war man mit Icon in der Nachfolge des doch eher gescheiterten Epic Comics gar nicht mal auf einem schlechten Weg, aber vermutlich fühlte sich für die Marvel Altvorderen Icon doch wie ein Fremdkörper an. eigentlich spielt Icon heute im Marvel Programm keine Rolle mehr. Wahrscheinlich sind dafür die Superhelden Verfilmungen zu erfolgreich.

Natürlich kann man auch durchaus die Ansicht haben, dass es grundsätzlich egal ist, welcher Verlag bzw. welches Label eine Serie veröffentlicht, solange wir als Leser und Sammler noch davon profitieren können und qualitativ guten Lesestoff erhalten. Andererseits empfinde ich solch eine Verschiebung der Macht interessant zu beobachten und dann auch schlussendlich zu thematisieren.

Als Lesetipp gibt es diesmal Jupiter’s Legacy von Mark Millar. Wer eine moderne Sicht auf Superhelden im Stil von Watchmen oder The Authority mag, liegt hier definitiv richtig.

Als Musikgruß schließe ich wieder an den ersten Absatz und die Ereignisse in Brüssel an. Queen schrieb Innuendo auch als Protest gegen den seinerzeitigen Golfkrieg. Viel Spaß damit!

Die nächste isoundwords wird am 29. April 2016 erscheinen und den Titel tragen: “Die Eine über 10 Jahre Splitter.”

Bis dahin: Lest mehr Comics!

Das war für heute isoundwords.

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6 Gedanken zu “isoundwords 32: Die Eine über den Abstieg von Vertigo

  1. Wichtig ist es wohl das Autoren und Zeichner irgendwo die Möglichkeit haben ihr Potential auszuleben. Wenn sich hier die Strukturen ändern aber weiterhin gute Serien entstehen, was solls. Mächtige Autoren wie Millar und andere, die mittlerweile selbst veröffentlichen haben da aufgrund ihrer Bekanntheit keine Probleme, bleibt die Frage wie das mit neuen Talenten ist. Gibt es die noch? Ich selbst habe so den Eindruch (und ich bin nicht so in der Materie wie du) das ich alle Autoren von neuen guten Comics (z.B. Decender) schon kenne. Und das ist nicht gut.
    „Jupiters Legacy“ habe ich bereits verschlungen, weiter gehts mit Decender. Und der Authority zum 5. mal.
    Tolle Kolummne. LG. Jörg

  2. Interessante Kolumne. Aber toll ist sie nur, wenn sie inhaltlich auch richtig ist, Jörg. 😉
    „Bei Fables erscheinen noch Spin Offs, aber auch hier gilt, dass die Kernserie mit der epischen Ausgabe # 150 beendet wurde.“
    Stimmt, aktuell ist das „Fables: The Wolf among us“, die bei Panini erschienen ist, wenngleich nicht unter’m Vertigo-Label. Die Reihe in dem Blog hier auch schon rezensiert. Das ist allerdings nur eine kleine Ergänzung meinerseits.

    „Aktuell folgt aber nichts.“
    Das hingegen ist falsch. Aktueller als aktuell (ich überspitze) ist zeitgleich zum oben genannten Fables – Spin Off mit „Suiciders“ ein weiterer Titel aus dem Hause Vertigo bei Panini gestartet. dieser sogar wieder unter’m Vertigo-Label.

    Weiter oben teilt Jameson noch seinen Anspruch auf zu Ende erzählte Geschichten mit: „Und gerade solche Komplettveröffentlichungen sind für den Markt und seine Stimmung immer ungemein wichtig.“
    Er selbst kommt diesem Anspruch meiner Ansicht nach jedoch selbst nicht nach und lässt die Aussage einfach mal so im Raum stehen, ohne eine Begründung zu liefern, warum das so wichtig IST, oder ob er es am Ende nur für wichtig hält …

    • Deine Anmerkungen verstehe ich nicht völlig. Das aktuelle Spin Off The Wolf among us erscheint durchaus unter dem Vertigo Label. Zumindest auf meiner Ausgabe ist das Vertigo Label aufgedruckt und ich glaube nicht, ein Sonderexemplar zu besitzen. Die Suiciders sind tatsächlich relativ frisch, aber ich glaube nur bedingt an das Potential. Habe ich bei Komplettveröffemtlichungen wirklich so viel vorausgesetzt? Kann ich mir bei einem offensichtlichen Experten woe dir gar nicht vorstellen. Aber sei’s drum. Welcher Sammler hat schon gerne unvollendete Serien in seiner Sammlung? Dies sind dann schließlich auch unvollendete Geschichten. Nicht zuletzt auf den vielen nicht komplett veröffentlichten Serien begründet sich der Erfolg des FINIX, aber im Endeffekt geht es hier um Vertigo und nicht um den FINIX. Morning Glories ist ein weiteres trauriges Beispiel für eine auf dem deutschen Markt unvollendete Serie. Für Panini hat es sich nicht mehr gelohnt und dani books hat noch vor der Fortsetzung in den Sack gehauen. Auch wenn die Gründe hierfür nachvollziehbar sind, muss man sich nicht zwangsläufig darüber freuen. Fans der Serie bleiben 2 Optionen. Entweder ebenso in den Sack hauen oder auf die US Trades umsteigen.
      Auch hierfür gibt es noch weitere zahlreiche Beispiele. Ich hoffe, das hat zu deiner Erhellung beigetragen.

      • Okay, mit der Aussage, dass TWAU nicht unterm Vertigo-Label erschien, liege ich falsch, die nehme ich zurück, das hatte ich falsch in Erinnerung. Irgendwie hatte ich die in meinem Kopf falsch einsortiert. Da hätte einmal mehr nachschauen gut getan …
        Dass Sie bei Suiciders nur bedingtes Potenzial sehen, ist die eine Sache. Panini sieht das sicher etwas anders, sonst würden sie der Reihe sicherlich keinen Platz einräumen. Ja, der erste Run ist mit dieser Ausgabe bereits abgeschlossen, jedoch steckt mit der in den U.S. zur Zeit laufenden Folgereihe „SUICIDERS: KINGS OF HELL.A.“ noch ordentlich Potential im Köcher. “Aktuell folgt aber nichts.” ist und bleibt da eine ebenso falsche Aussage, wie mein Bullshit mit TWAU oben und lässt die Serie komplett unter den Tisch fallen. Ich unterstelle da auch eher, dass Sie die Serie einfach nicht auf den Schirm hatten …
        Um meine Erhellung brauchen Sie sich keinen Kopf zu machen, vielen Dank. Ich hatte schon verstanden, auf was sie hinaus wollen. Mir ging es hier auch mehr um eben die formelle Ausschmückung, die Sie nun nachliefern. Es ist leider immer wieder der Fall, dass Sie ein Thema aufmachen, was Sie mit dem oben zitierten Satz ja machen, dieses dann aber ungenutzt im Raum liegen lassen. Immerhin vermute ich bei Ihnen den Anspruch, Neuleser von Comics vielseitig zu informieren. Solche anteasernden Sätze verwirren dann vielleicht eher nur. Setzt man diese Einschätzungsleistung hingegen voraus, wie in diesem Beispiel ganz offensichtlich der Fall, dann brauch es diesen Satz erst gar nicht. Zudem muss ich ergänzend erwidern: abgeschlossene Reihen sind wichtig, aber genau so wichtig ist es, dass sich Verlage mit neuem Material in den Markt wagt. Nur so ergibt sich die bunte Vielfalt, wie wir sie im Moment haben. Dass sich dabei nicht jede Reihe am Markt durchsetzt, ist ärgerlich, aber auch verständlch, oder?

      • Klar. Da gibt es keine 2 Meinungen. Jeder Verlag hat seine Zugpferde und seine Ergänzungstitel. Daneben wird es auch immer wieder Titel geben, die der Markt aussortiert. Die schon erwähnten Morning Glories sind da ein Beispiel von vielen. Manchmal verzichten auch Verlage von sich aus auf eine Fortführung. Man sehe da nur Bunte Dimensionen und Die Macht der Achonten. Da fehlt uns die Kleinigkeit von 25 Ausgaben.
        Bei den von dir angesprochenen Suiciders fühle ich mich herausgefordert. Werde die demnächst mal antesten.

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