Drei Steine

DREI+STEINE Mit Drei Steine legt Nils Oskamp eine autobiografische Graphic Novel vor, die Neonazismus in Dortmund auf verschiedenen Erzählebenen thematisiert.

Nils geht in den 80er Jahren auf die Wilhelm-Busch-Schule in Dortmund – eine Schule, wie sie konservativer kaum sein könnte. Ausgerechnet auf der Schule, die dem Erfinder von Max und Moritz gewidmet ist, sind Comics verboten. Doch das ist nur eine ironische Randnote. Tatsächlich ist es noch schlimmer. Ein Lehrer pflegt in seinem Musik- und Geschichtsunterricht tiefbraunes Gedankengut, das sogar das Singen der 1. Strophe des Deutschlandliedes einschließt. Nils wehrt sich dagegen und gerät so auf die Abschussliste der Neonazis. Schon dreht sich zunächst langsam und dann immer schneller eine Schraube der Gewalt, was schließlich dazu führt, dass Nils zusammengeschlagen im Krankenhaus aufwacht und Glück hat, dass er überhaupt noch lebt.

Die Handlung basiert als Autobiografie im Wesentlichen auf mehreren Schlüsselmomenten. Als Nils auf seinem Heimweg an einem verwaisten jüdischen Friedhof vorbeikommt, sammelt er drei Steine ein, die ihn nicht nur symbolisch begleiten werden. Daneben fragt er sich schon zwangsläufig, wie der Holocaust eine Lüge, was seine Mitschüler ohne Unterlass propagieren, sein kann, wenn sich der Friedhof in einem derartigen Zustand befindet. Abgesehen von den mit Hakenkreuzen beschmierten Grabsteinen hat mich der Friedhof in seinem Zustand sehr an den jüdischen Friedhof im Marburger Nordviertel erinnert.

Ein weiterer Schlüsselmoment ist, als Nils seinerseits einen seiner Peiniger stellt und sogar schon Gewaltphantasien hat, die ihn seinen Mitschüler mit einem der Steine den Kopf einschlagen sehen. Dies zeigt, wie schnell man selbst in einen Sog der Gewalt gezogen werden kann. Hier liefert Oskamp einen Moment, der in seiner Eindeutigkeit und Klarheit nur vom Medium Comic geliefert werden kann.

Im Krankenhaus besinnt sich Nils schließlich eines Besseren und setzt sich mit den Neonazis auf dem Boden der Legalität auseinander, auch wenn das Resultat in Form des Strafmaßes geradezu lächerlich anmutet.

Oskamp legt neben dem lokalen Bezug viel Wert darauf, die damaligen Ereignisse aus mehreren Perspektiven zu beleuchten. Unterstützung vom Elternhaus erhält er keine. Insbesondere das Verhalten zu seinem Vater lässt beim Lesen die Zimmertemperatur um 10 Grad sinken. Lediglich Tom, sein bester Freund, steht ihm immer wieder zur Seite. Dafür ist er so dankbar, dass er sogar seinen Sohn nach ihm benennt.

Dies führt uns zur Rahmenhandlung, in der Nils, der heute in Hamburg lebt, als Vater seinem Sohn die damaligen Ereignisse näherbringt. Hier zeigt sich die Verantwortung des Vaters, die im Kontrast zu Nils‘ Vater steht und gleichzeitig seinem Sohn aufzeigt, dass Neonazis auch heute durchaus aktiv sind. Dies funktioniert wegen des intakten Vater-Sohn-Verhältnisses, das sehr vertraut ist und damit so völlig anders als das Verhältnis von Nils zu seinem Vater.

Dies führt zu einem weiteren sehr wichtigen Aspekt. Natürlich könnte man die Meinung vertreten, dass die Handlung in der ersten Hälfte der 80er stattfindet, was allein schon wegen der braunen Gesinnung der Lehrer ungeheuerlich wäre. Doch der Textanhang stellt einen eindeutigen Bezug zur Gegenwart her. Dortmund steht eben nicht nur für den BVB und die Unionbrauerei, sondern eben auch für Neonazismus.

Es ist darüber hinaus erfreulich, dass es eine kostenlose und abgespeckte Schulbuch Variante gibt.

Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund von deutschen Hooligans, die zurzeit in Frankreich bei der Fussball EM erheblichen Imageschaden betreiben und dabei vor der Reichskriegsflagge posieren, veröffentlichen Oskamp und Panini den vielleicht wichtigsten Comic des Jahres.

Drei Steine muss einfach jede Menge Preise gewinnen, um auch die öffentliche Aufmerksamkeit zu erhalten, den dieser Comic nicht nur verdient, sondern auch benötigt.

Der schicke Hardcover Einband rundet den Eindruck ab.

2 Gedanken zu “Drei Steine

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