isoundwords # 34: Die Eine über 10 Jahre Splitter

Splitter Verlag Logo Als ich diese Kolumne schreibe, steht Die Mannschaft unmittelbar vor der Beendigung der Gruppenphase. Bei dieser Fußball Europameisterschaft will zurzeit noch nicht das große Fieber bei mir ausbrechen. Zu viele langweilige Spiele, ein zäher Austragungsmodus und gewaltbereite Fans sind wohl der Grund dafür.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Wir schreiben das Jahr 2006. Comic Deutschland ist im Wesentlichen von Panini, Ehapa und Carlsen besetzt. Charmante Kleinverlage wie z.B. Zwerchfell, Salleck Publication, Cross Cult oder auch Comicplus wollen wir dabei nicht vergessen. Doch dann gründet sich mit dem Splitter Verlag ein Verlagshaus, das den deutschen Comicmarkt nachhaltig aufmischen und bereichern soll.

Doch drehen wir das Rad noch einmal ein wenig zurück. Splitter? Gab es doch schon mal (?). Richtig, von 1988 bis zum Jahr 2000 bestand schon einmal ein Verlag mit diesem Namen mit Sitz in München.

Der aktuelle Splitter Verlag wurde von Dirk Schulz, Delia Wüllner-Schulz und Horst Gotta mit Sitz in Bielefeld gegründet. (Und nein, ich gehe hier jetzt nicht auf die Verschwörungstheorie ein, dass es die Stadt Bielefeld gar nicht gibt.)

In den Anfangszeiten des Splitter Verlags wurden vorrangig die Genres Fantasy und SciFi bedient. Das sollte sich mit Fortbestehen des Verlages ändern, aber dazu später mehr. Der Name Splitter war im Markt bekannt, was dann auch der Grund war, warum man sich natürlich mit Einverständnis des mittlerweile verstorbenen Jürgen Janetzki, dem Inhaber des alten Splitter Verlages, für diesen Namen entschied.

Schauen wir uns doch zunächst auch einmal diejenigen an, die den neuen Splitter Verlag aus der Taufe gehoben haben. Delia Wüllner-Schulz, Dirk Schulz und Horst Gotta haben schon seit langer Zeit Comics für verschiedene Verlagshäuser in verschiedenen Positionen produziert. Da war dann der Weg nicht allzu weit, einmal selbst die Geschicke eines Verlages lenken zu wollen.

Dabei halte ich es nach wie vor für erstaunlich, welche naheliegenden Entscheidungen man getroffen hat und wie diese aufgegangen sind und sich so als richtig erwiesen haben.

Da ist zunächst einmal das Format der Alben. Die Splitter haben sich bewusst für großformatige Alben im Hardcover Format entschieden, wobei man gerade mit dem Hardcover Format auch auf den Buchhandel geschielt hat.

Splitter castet seine Titel mit einer gewissen Janusköpfigkeit, d.h. man sucht und findet neue Titel, aber veröffentlicht auch Klassiker. Nicht umsonst war auch vor 10 Jahren die Veröffentlichung des Klassikers Storm die Initialzündung für Splitter. In dieser Form, also mit teilweise sensationellem Zusatzmaterial, einem Druck und auch in dieser hohen Qualität hatte der deutsche Markt Storm noch nicht gesehen. Ferner konnte man natürlich auch Neuleser, und da schließe ich mich gerne mit ein, gewinnen.

Kurioser- und doch auch wieder konsequenterweise ist Trigan, eine weitere Don Lawrence Serie, wiederum die Initialzündung für das Panini Albenprogramm, aber dazu vielleicht mal an anderer Stelle mehr.

Wie bereits zuvor erwähnt, hat sich Splitter anfangs ausschließlich auf Fantasy bzw. SciFi Titel konzentriert. Dies lag daran, dass man eine Lücke auf dem Markt erkannt hatte und in diese springen wollte. Dies hatte man auch erfolgreich getan, denn immerhin konnte der Verlag in den ersten 5 Jahren einen Zuwachs von 20-30% verzeichnen.

Splitter ist für mich zurzeit DER Verlag, der es auch versteht, das Comicforum als interaktives Medium zu nutzen. Hierzu zählt auch der berühmte Vorhang, der zurzeit jeden Tag einen Blick auf die Monatsübersicht des nächsten Katalogs preisgibt. Und natürlich lässt sich Splitter nicht lumpen und hat ein Programm mit 10 Jubiläumstiteln aufgelegt.

Splitter hat es sich auf die Fahne geschrieben, dass sie die Lieferbarkeit ihrer Titel gewährleisten wollen. Bei rund 1300 Artikeln ist dies schon ein richtiges Kunststück. Jeder Controller eines Verlags würde Schnappatmung bekommen, aber Splitter verzichtet lieber auf ein Controlling im betriebswirtschaftlichen Sinne. Sie wollen ihre Leser bzw. Kunden nicht enttäuschen und nehmen das Risiko klar auf sich. Oder um den Aufwand mal in Zahlen auszudrücken:

Splitter veröffentlicht monatlich 15 Artikel, weitere 5-8 gehen in den Nachdruck. Da verwundert es zunächst nicht, dass sich Splitters Umsatz monatlich aus 80% Verkäufen über die Backlist und 20% über das Neuprogramm zusammensetzt. Ketzerisch ausgedrückt müsste also Splitter keine neuen Titel veröffentlichen, um ordentlich Kasse zu machen. Natürlich funktioniert das im wahren Leben nicht, denn die aktuellen Titel von heute sind die Backlist von morgen. All dies sind viele kleine Bausteine, die Splitter zu etwas Besonderem machen. Im Grunde bestimmt so der Leser über sein Kaufverhalten, wohin sich der Verlag entwickelt. Dies wird natürlich umso wirksamer, wenn der Handel keinen Erfolg oder auch Misserfolg eines Titels vordefinert, sondern vielmehr die Titel gleichberechtigt starten lässt. So ist dann auch zu erklären, dass Splitter im Laufe seiner Tätigkeit sein Portfolio längst über Fantasy und SciFi hinaus weiterentwickelt hat. Hierzu zählt die Funny Schiene toonfish, die Graphic Novel, die Graphic Novel USA oder auch andere Veröffentlichungsweisen wie das Splitter Double sowie Splitter XXL.

Doch meiner Worte erstmal genug. Lassen wir doch Horst Gotta selbst zu Wort kommen, der sich freundlicherweise und ohne Androhung von Folter oder Ähnlichem bereit erklärt hat, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Jameson: Zunächst einmal Herzlichen Glückwunsch zum 10-jährigen Verlagsjubiläum und warmen Dank, dass Du dich bereit erklärt hast, mir ein paar Fragen zu beantworten. Ekki vom Frankfurter T3 köderte mich seinerzeit völlig zurecht als Leser und dann auch als Fan des Splitter Verlags. Dabei mag ich gar nicht glauben, dass das 10 Jahre her sein soll. Wie kam es eigentlich dazu, den Splitter Verlag aus der Taufe zu heben? Und wie lange hat es von der Idee bis zur Umsetzung gedauert?

Horst Gotta: Ich danke für den Glückwunsch. Ja, es waren teilweise wilde 10 Jahre und vor allem sehr schnelle 10 Jahre – in jedem Fall ein weiterer Beweis dafür, wie schnell die Zeit vergeht!🙂

Die Grundidee zu Splitter (auch ohne diesen Namen ist uralt). Schon immer haben Delia, Dirk und ich Comicalben geschrieben, gezeichnet, veröffentlicht oder eben für andere Verlage bearbeitet.

So geisterte der eigene große (Betonung auf große) Verlag wohl immer nebenbei in den Köpfen mit. Ich kann mich noch relativ gut daran erinnern, wo ich den Verlag an unserem alten Frankfurter Stammtisch ankündigte (andeutete) und die erste Frage war: wieso? Ihr macht und verlegt doch eh schon Comics und ich korrigieren musste, dass es diesmal einfach anders sein würde, weil einfach eine Nummer größer geplant.

Letztendlich ging es von Anfang an darum, einen Verlag zu lancieren, von dem wir alle drei hauptberuflich leben konnten. Das hat natürlich Konsequenzen für die Ausrichtung.

Richtig konkret wurde die Planung im Februar 2006, im Mai war die Gründung und im Oktober kamen die ersten Bücher.

Jameson: Was mich am Splitter Verlag immer wieder überzeugt, ist eure Dynamik, mit der Ihr Euch immer wieder auch ein Stück weit selbst neu erfindet. Hierzu gehört, dass Ihr auch Klassiker neu veröffentlicht. Als Speerspitze denke ich da zuerst an Storm, aber auch an die Meta Barone oder das Narrenschiff. Diese Liste ließe sich noch lange fortführen. Darüber hinaus hebt Ihr auch immer wieder neue Schätze. Werdet Ihr dieses Konzept beibehalten können oder ist die „Sahne“ solcher Klassiker bereits bzw. in absehbarer Zeit abgeschöpft?

Horst Gotta: Ich empfinde als das Besondere bei Splitter diese Kombination von Künstler-, also Comicmacherblut, der Erfahrung graphischer Profi und dem Fandom zu den frankobelgischen Alben. Ich glaube, das macht die Mischung aus, dass wir gute und gutlaufende Titel ebenso im Programm haben, wie auch Liebhaberstücke … und vor allem (imho) die für den Markt passende Mischung.

So ist urklassisches Material, neuestes aus der frankobelgischen Albenküche … aber auch die vielbesprochen Graphic Novels und vieles andere unter unserem Dach zu finden. Im Querschnitt könnte man sagen: wir setzen zu 80% auf bewährtes und verdienen dort das Geld um uns ca. 20% Liebhaberei und/oder Experimente leisten zu können.

Wie wir die Zukunft sein? Nun, ich glaube, die Gesamtausgaben werden in den Auflagen sinken, denn die „Sahne“ wurde natürlich von oben abgeschöpft. Ob die Verlage deswegen diese Buchform zurückfahren ist noch nicht klar. Es sind auch kleinere Auflagen zu höheren Preisen absetzbar. Wir selbst werden aber keine kleineren Auflagen akzeptieren und somit – wenn es denn so kommt – eher das Segment als Ganzes runterfahren.

Jameson: Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, den franko-belgischen Markt aufgrund seiner Fülle zu überblicken. Wie gelingt es Euch dennoch, immer wieder die Rosinen herauszupicken?

Horst Gotta: Als Fans und Liebhaber des fankobelgischen Albums fällt es uns „nicht wirklich“ schwer, die richtigen Alben herauszupicken. Auch von Katalog zu Katalog ist ja ein halbes Jahr Zeit. Jedenfalls genug, um sich der Wirkung und Verkaufbarkeit der jeweiligen Titel bewusst zu werden. Auch das große regelmäßige Angebot auf Seiten der Lizenzgeber macht die Sache relativ einfach.

Jameson: Daneben habt Ihr die Graphic Novel, die Splitter XXL sowie die Splitter Double nach und nach eingeführt. Ohne zu viel Interna preiszugeben, aber wie schwierig war es für Euch, auf solche „neue Pferde“ zu setzen?

Horst Gotta: Praktisch alle Doubles sind von Anfang an Bestseller. Es scheint wohl immer noch so etwas, wie partielle Marktlücken innerhalb eines satten Gesamtmarktes zu geben. Die Doubles laufen wie Schmitts Katze🙂. Bei den Graphic Novels ist das Bild hingegen sehr durchmischt. Absolute Bestseller, wie im „Westen nichts Neues“ oder „Blau ist eine warme Farbe“ … stehen im Verkauf konträr zu mindestens ebenso engagierten und hochwertigen Titeln, wie „Die Frau ist frei geboren“ oder „Lulu, die nackte Frau“.

Schwierig ist nur das richtige Maas zu finden. Spätestens, wenn Mitbewerber mitbieten, dann steigt der Preis und die notwendige Auflage. Splitter ist eher gezwungen höhere Auflagen zu fahren und hier könnte sich deswegen ein Problem aufbauen … es drohen dann die uralten Sünden, die schon in den letzten 30 Jahren zu Verwerfungen geführt haben – die Überproduktion ohne den Blick auf die realen Verkäufe. Das ist aber nichts Neues und auch eher ein allgemeines Branchenproblem. Der einzelne Verlag hat hier weniger Wirkung, als das Zusammenspiel aller beteiligten am Markt.

Jameson: Zu der typischen „Splitter Dynamik“ zählt für mich auch, dass Ihr Euch zunehmend US-Material erschließt. Der Vorreiter dürfte hier Kings Der dunkle Turm gewesen sein. Mittlerweile habt Ihr auch bspw. Descender im Programm. Wie wichtig ist es Euch, auch über US-Material ein neues Standbein aufzubauen? Immerhin greift Ihr gerade bei diesen Titeln ja gleich in die oberste Schublade, was mich bei Splitter nicht wirklich überrascht.

Horst Gotta: Der amerikanische/englische Comic war für uns als „next step“ die logische Konsequenz, da wir die europäischen Felder schon komplett beackert hatten. Das erfreuliche in unseren Augen ist, das sich hier in den Ursprungsländern ganz klar eine zweite Welt neben der Superheldencomics etabliert hat. Das lässt uns genug Raum auch Material zu finden, welches sich harmonisch in das bestehende Splitter-Universum einfügt.

Aber es ist auch – nach wie vor – für uns ein neues Feld und die Ernte entspricht noch nicht dem Ertrag aus den frankobelgischen Feldern. Hier gilt die 80/20-Regel vom Anfang des Interviews.

Jameson: Wagen wir doch mal einen Blick in die Zukunft. Wo siehst Du Splitter in den nächsten 5-10 Jahren?

Horst Gotta: Zuerst einmal zum kommenden Jahr. Nach der 10 Jahresfeier und vielen Überraschungen im aktuellen Jahr, werden wir 2017 mehr auf Fortsetzungen (bzw. Pflichterfüllung) setzen. Wir haben in 15 Monaten ca. 90 „neue“ Titel gestartet und davon ca. 2/3 als Serien und Fortsetzungen. Da gilt es natürlich „splittertypisch“ am Ball zu bleiben und laufendes Material schnell zu veröffentlichen.

In 5 Jahren sehe ich den Markt ziemlich genau da, wo wir Heute stehen. Es gibt aktuell keinen Grund den etablieren Verlag umzuorientieren. In zehn Jahren hingegen sprechen wir schon unserem Rentenalter.🙂 Bis dahin wird in jedem Fall hinter der Kulisse sehr viel geschehen. Ob sich dies auf den Verlag von außen gesehen auswirkt? Wer weiß? Wie können wir beurteilen, was dann vielleicht andere (Akteure von außen oder unsere aktuellen eigenen Mitarbeiter) mit der Marke Splitter anstellen?

Den Comicmarkt an sich sehe auch bis zu diesem Termin als dem heutigen entsprechend. Ich habe das oft damit argumentiert, dass „unsere Generation“ nach 30 bis 40 Jahren an Comickonsum auch die kommenden 10 Jahre kaum etwas ändern wird. Vielleicht verlagert sich der Verkauf noch deutlich stärker in Richtung Online-Handel? Vielleicht kommt bald das Ende der Fachläden? Auch diese Besitzer sind dann sehr häufig im Rentenalter … es sind also Umwälzungen absehbar … aber wie das ausgeht? Wer weiß? Die faktische Existenz der Albenkultur sehe ich in den kommenden 10 Jahren nicht im geringsten als gefährdet an.

Jameson: Vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen. Ich wünsche Euch auch für die nächsten 10 Jahre alles Gute und maximalen Erfolg. Wenn es dann diese Kolumne noch geben sollte, frage ich Dich wegen eines Interviews wieder an, wenn ich darf.

Horst Gotta: Du darfst!🙂 Danke für das Interview auch von unserer Seite!

Dem aufmerksamen Leser mag es nicht entgangen sein, dass Horsts Antworten über das hinauszugehen, was ich gefragt habe. Auch das ist durchaus typisch für die Splitter. Man denkt einfach weiter.

Konzeptionell lebt Splitter seit nunmehr 10 Jahren neben aller verlegerischer Vernunft, die selbstredend sein muss, auch eine große Fannähe mit Herz vor. Hierzu zählen natürlich auch die mehr als nur gelungenen Messeauftritte mit einem beeindruckenden Messestand.

Nicht umsonst hat sich Panini mit dem dortigen Albenprogramm konzeptionell an Splitter angelehnt und so eine Benchmark gesetzt.

Da bleibt mir nur noch, Splitter noch einmal herzlich zu gratulieren und alles erdenklich Gute für die Zukunft zu wünschen oder auch kurz: Maximale Erfolge!

In meinem wahren Leben bin ich Beamter, d.h. eine gewisse Entscheidungsschwäche liegt in meinen beruflichen Genen. Daher gibt es diesmal 2 Lesetipps. Da ist mit Drei Steine die für mich wohl wichtigste Publikation bisher in diesem Jahr und mit Malcolm Max # 3 der Band, der den ersten Run dieser wunderbaren Splitter Serie abschließt.

Als Musikgruß muss es natürlich ein Ständchen für den Splitter Verlag sein.

Die nächste isoundwords erscheint am 29. Juli und wird den Titel: „Die eine über Comics und Politik“ tragen.

Bis dahin: Lest mehr Comics!

Das war für heute isoundwords.

 

 

 

 

 

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