isoundwords # 35: Die eine über Comics und Politik

Als ich diese Kolumne schreibe, steht die Eröffnung der Olympischen Spiele unmittelbar bevor. Normalerweise ist das ein Fest für mich, aber diesmal werde ich die Spiele doch eher am Rand verfolgen. Grund hierfür ist, dass die Russen trotz nachgewiesenen Staatsdopings (mein Favorit für das Unwort des Jahres) zu den Spielen zugelassen werden. Und dann ist der Präsident des IOC noch ein Deutscher, wofür man sich nur schämen kann. Politik und Sport fügen sich einfach nicht ineinander.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Diesmal bin ich von der Einleitung gar nicht so weit vom Comic Thema diesen Monats entfernt. Auch in den Comics gibt es zahlreiche politische Inhalte unterschiedlichster Ausrichtung, Motivation, Grundlage und Kolorierung. Das Thema ist gar so weit gestreut, dass ich mir nicht mal in meinen kühnsten Träume anmaßen würde, auch nur ansatzweise alle Werke auflisten zu können, die politische Inhalte aufweisen.

Es gibt zahlreiche Biografien, die uns eine politische Figur des Zeitgeschehens näherbringen. Diese Biografien leben und profitieren natürlich vom Charisma des Politikers. Als Beispiel fällt mir hierzu Castro von Reinhard Kleist ein. Kleist versteht es in seiner Biografie nicht nur das Leben und Wirken Castros zu schildern, sondern lässt auch den seinerzeitigen Zeitgeist auferstehen lässt. Dabei ist es auch gleichgültig, welche (politische) Einstellung man als Leser zu Castro haben mag. Die Biografie ist einfach gut gemacht! Auch Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist ist angesichts der Dramen, die sich insbesondere vor Lampedusa in der jüngeren Vergangenheit abgespielt haben und angesichts der bevorstehenden Eröffnung der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro unbedingt auch politisch einzuordnen.

Daneben gibt es natürlich zahlreiche Werke mit einem fiktiven Staat. Auch hier haben wir mit V wie Vendetta von Alan Moore ein herausragendes Werk, das so ganz nebenbei erwähnt, gar nicht so schlecht verfilmt wurde. V wie Vendetta thematisiert ein fiktives, diktatorisch geprägtes Großbritannien.

Einen besonderen Zungenschlag bringen wiederum autobiografisch geprägte Comics, die politisches Zeitgeschehen (meist ironisch) reflektieren. Hier fallen mir die wunderbare Heldentrilogie von Flix sowie der Zuckerfisch der unglaublichen Naomi Fearn ein. Wann veröffentlicht eigentlich Zwerchfell das noch ausstehende Material aus der Stuttgarter Zeitung?

Ein Comic, der mich völlig begeistert hat und der Politik durchgehend zum Thema hat, ist Quai d’Orsay – Im Zentrum der Macht. Hier wird durch die Brille eines ehemaligen Praktikanten des französischen Außenministeriums die Ereignisse vor dem Irak Krieg der USA geschildert. Trotz des bekannten Ausgangs ist das spannend mit einem ordentlichen Touch Ironie erzählt und zeigt recht eindrucksvoll, wie weit uns der französische Comic nach wie vor voraus ist.

Selbst eine Serie wie Asterix würde ich nie völlig von politischen Einflüssen freisprechen. es gibt immer wieder politische Anspielungen auch auf das jeweils aktuelle, aber auch historische, Zeitgeschehen.

Maus, das die Erlebnisse eines Holocaust Überlebenden schildert, verbindet Historisches mit Politischem.

Persepolis wiederum erzählt aus der Sicht einer jungen Frau bzw. eines Mädchens die Ereignisse während der islamischen Revolution im Iran und in Teil # 2 das geschehen zu Zeiten des Iran / Irak Kriegs.

Denkbar ist natürlich auch politische Inhalte als Utopie für eine bessere Gesellschaft zu nutzen und so als Rückbezug auch aktuell Gesellschaftskritik zu üben. nachzulesen ist so etwas bei der wunderbaren Serie Valerian und Veronique – eine Serie, die hier unbedingt auch einmal vorzustellen ist.

Wegen der Komplexität verbreitet es sich an dieser Stelle eigentlich, Tim und Struppi zu analysieren. Ich mache es dennoch und weiß gleichzeitig, dass ich im Rahmen dieser Kolumne und der damit gebotenen Kürze Hergè niemals gerecht werden kann. Vielleicht erhalte ich ja Abbitte, indem ich verspreche, dass auch Tim und Struppi auf der Agenda der hier noch vorzustellenden Serien steht.

Tim und Struppi ist voller politischer Anspielungen. Neben der immer wieder thematisierten Kritik an Kleinstaaterei, kleinen „gerne groß“ Diktatoren und Anspielungen auf den Kalten Krieg sticht hier das Album König Ottokars Zepter hervor. thematisiert und folglich auch kritisiert wird der Einmarsch der Deutschen ins Sudetenland. Manch einer mag sich vielleicht fragen, warum sich Tim niemals in Deutschland aufhält. Tatsächlich befindet er sich immer wieder in Bordourien. Dieses Kunstland ist ein Wortspiel und bedeutet so viel wie „an der Grenze des Lachens“ oder auch „das Land, in dem man wenig lacht“.  Gemeint ist damit eindeutig good, old Germany.

Besonders schwierig wird es, wenn politische Inhalte Einkehr ins Superheldengenre finden. Dort übernehmen die Helden in einer Krise die Führungsrolle, um sie nach bewältigter Krise auch wieder abzugeben – so, wie sich eben Helden verhalten.

Dabei ist für mich Captain America das eigentliche Chamäleon der Superheldengeschichte. Er ist für mich nicht nur der politischste Superheld, sondern ist auch permanenten Wandlungen unterlegen. Und damit meine ich noch nicht einmal, dass Steve Rogers unlängst den Schild abgegeben hat, weil das Supersoldatenserum aus seinem Körper gewichen ist. Captain America hat vielmehr den 2. Weltkrieg (mit den Abstrichen, als er die V-Waffe der Nazis zum Absturz brachte und lange totgeglaubt in einer Eisscholle lag), wie auch den Kalten Krieg durchlebt und schließlich Symbolfigur für die innere Zerrissenheit der USA wurde. Wirklich wunderbare Captain America Stories gab es beispielsweise zu Zeiten eines Marc Gruenwald, der ihn oft gegen den Strom agieren ließ. War die Stimmung in den USA eher patriotisch angehaucht, nahm Cap eine kritische Stellung gegenüber seinem Heimatland ein, das ihn vorübergehend sogar zu Nomad werden ließ. War die Stimmung in den USA eher negativ, schritt Cap als Patriot voran.

Ohne Kenntnisse der politischen Hintergründe der 80er Jahre ist ein gänzliches Verständnis der Watchmen, dem Superhelden Epos schlechthin, einfach unmöglich. Auch die Squadron Supreme, die ich gern als Marvels Vorgänger der Watchmen bezeichne, sind unbedingt politisch einzuordnen. Und ich weiß, dass auch diese Serie hier noch dringend zu besprechen und vorzustellen ist. Way to go!

Es gibt hier eine wesentliche Gemeinsamkeit. Das übliche Schwarz/Weiß-Denken, wie es Superheldencomics nun mal oft eigen ist, wird hier aufgehoben und es werden die unendlich erscheinenden Schattierungen von Grau entdeckt und sogar ausgelotet.

Grundsätzlich gilt für die Neunte Kunst, dass sie im Gegensatz zu den Mainstreammedien leichter politisch unkorrekt sein dürfen. Doch auch wenn dies in einen anderen Bereich, der allerdings in der Nachbargarage parkt, fällt, würde ich die Mohammed Karikaturen nicht völlig ausnehmen. Diese führten zu einem feigen Anschlag mit vielen Toten und zeigen, dass solche auf den ersten Blick eher harmlos wirkenden Karikaturen durchaus auch eine gewisse Sprengkraft entwickeln können, wenn denn Verblendete und Wahnsinnige dies so sehen wollen.

Diese Kolumne ist aus privaten und beruflichen Gründen leider mit einer Woche Verspätung erschienen, wofür ich mich entschuldige. Manchmal laufen Dinge halt nicht wie geplant.

Als Musikgruß gibt es ein politisches Lied von Queen – viel Spaß mit One Vision.

Die nächste isoundwords erscheint am 26. August und wird den Titel: „Die eine über die Notwendigkeit von Klassikern“ tragen.

Bis dahin: Lest mehr Comics!

Das war für heute isoundwords.

 

 

 

 

 

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