isoundwords # 36: Die eine über die Notwendigkeit von Klassikern

Als ich diese Kolumne schreibe, sind gerade die Olympischen Spiele zu Ende gegangen. Aus unterschiedlichen Gründen habe ich dann doch mehr im TV gesehen als ich eigentlich wollte. Gewundert habe ich mich über Christoph Harting. Was hatte ich noch gejubelt, als er seinen entscheidenden Wurf zur Goldmedaille rausgehauen hat und was habe ich mich geärgert, als er sich bei der Siegerehrung und auch in den Interviews nicht zu benehmen wusste. Auf solche Goldmedaillen kann ich bei aller Sportbegeisterung auch ganz gut verzichten.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Es dürfte uns Sammlern und Jägern der Schriften der Neunten Kunst längst klar sein, dass wir derzeit sowohl in der Breite, als auch in der Spitze von den verschiedenen Verlagen ein Programm geboten bekommen, wie dies wohl vorher noch nie in diesem, unserem Lande möglich war. Die Verlage überrollen uns förmlich Monat für Monat mit ihrem Angebot. Und Hut ab vor jedem, der von sich behaupten kann, dass er die Titel samt und sonders kennt und sie auch noch gelesen hat. Grundsätzlich dürfte dies die Ressourcen von uns Jägern und Sammlern zumindest mittel- oder langfristig überschreiten. Das bedeutet, dass wir selektieren und selbst dann noch Gedanken machen müssen, wie wir auch die selektierten Titel zuhause noch unterbringen können, ohne den ewigen Zorn des Partners oder der Partnerin auf uns zu ziehen. Doch dies sind nur 2 Nebenkriegsschauplätze, auf die ich zwar an dieser Stelle, aber zu einer anderen Zeit mal eingehen werde. Heute sollen uns die Klassiker beschäftigen. Der kritische Leser dieser Kolumne mag sich nun völlig zurecht fragen, was ich unter Klassikern verstehe und wozu wir heute noch solche Klassiker benötigen, wenn uns schon das aktuelle Programm erschlägt.

Klassiker sind für mich Comics, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben und über die man heute noch spricht. Dies kann dann bitte schön auch durchaus mal kontrovers diskutieren. Manche dieser Titel mag man auch als „antik“ bezeichnen. Dennoch haben sie eine Zeit geprägt, eine Ära begründet und so für eine gewisse Nachhaltigkeit bzw. Widerhall gesorgt. Ich würde sogar so weit gehen, dass es heute einige Titel gibt, die wir nur gänzlich verstehen können, wenn wir den einen oder anderen Klassiker aus der Vergangenheit kennen. Dies fällt unter die Entwicklung von Comics, die auch einmal Thema dieser Kolumne werden wird. Ihr seht, der Schreibstoff geht mir vor allem zu meiner Beruhigung nicht aus.

Man kann also den Verlagen nicht genug danken, dass sie klassisches Material veröffentlichen, zumal sich so mancher Klassiker recht schwertut, um sich auch monetär lohnend auf dem Markt zu etablieren. Als Speerspitze für solch ein Beispiel würde ich The Spirit, der bei Salleck Publication erscheint, bezeichnen. Hinter dem Spirit verbirgt sich Denny Colt, der als Polizist vermeintlich im Einsatz umkam und dies nutzt, um als Spirit noch verdeckter und intensiver das Verbrechen bekämpfen zu können. Ursprünglich hat Will Eisner, derselbe Eisner, nach dem der Eisner Award benannt wurde, mit seinem Spirit die Beilage der Sonntagszeitung revolutioniert. Wer die zugegeben nicht ganz preiswerten Jahrgangsbände scheut, sollte sich vielleicht den „Best Of Band“ zulegen. Dieser ist schon für 12,90 € zu haben und verschafft einen guten Überblick für das, was den Geist im Spirit ausmacht und für das, was die Serie auch bis heute weit über den Tellerrand von Zeitungsstrips noch bedeutet.

Western von gestern war mal eine witzige Serie im Vorabendprogramm des ZDF (ja, selbst die haben mal gutes TV gemacht). Was aber fürs TV gilt, gilt für den Comic selbstredend auch. Ich möchte hier auf 3 Serien eingehen, die mich besonders beeindrucken. Da wäre Comanche. Die Serie über den Cowboy, Red Dust, mit geheimnisvollem Background, der auf der Tripple Six Ranchfür seine Chefin, der jungen Farmerin Comanche, bisweilen auch durchs Feuer geht, sind in 15 Bänden bei diversen Verlagen erschienen. Die beste Edition bietet hier natürlich die Neuauflage des Splitter Verlags.

Blueberry ist der nächste Schatz, den es für die Leser zu entdecken gibt. Für mich ist dies nach wie vor aus mehreren Gründen eine der erstaunlichsten Serien überhaupt. Wir lernen Mike Steven Blueberry zunächst als jungen Kavallerie Offizier kennen, der er auch zunächst bleibt, bis sich die Einflüsse des Italo-Westerns in dieser Serie niederschlagen. Somit wandelt sich Blueberry mehr und mehr zum rebellischen Helden. In der Konsequenz passt sich dieser Held rein äußerlich mehr und mehr Jean-Paul Belmondo an. Gleichzeitig dürfte er einer der wenigen Helden eines Comics sein, den wir tatsächlich beim Altern zusehen dürfen. Kein geringerer als Jean Giraud hat die Serie zunächst von seinem Vorbild, Jijé, übernommen, und ihr mehr und mehr ihren eigenen Stempel aufgedrückt. Hier würde ich dem interessierten Leser die bei Ehapa (jetzt Egmont Comic Collection) erschienene Gesamtausgabe ans Herz legen.

Freunde des Spaghetti Westerns werden bei Durango bestens aufgehoben sein. Der Zeichner Yves Swolf hat einen klassischen Antihelden erschaffen, der für Recht und Ordnung sorgt. Die Serie greift trotz des unübersehbaren Einflusses des Italo-Westerns aber auch immer wieder auf klassische Versatzstücke des Westerns wie z.B. Banküberfälle oder auch die Suche nach einem Goldschatz zurück. Die Serie ist bei Kult in einer schönen Hardcover Ausgabe erschienen. da hier aber einige Ausgaben fehlen, würde ich Interessierten den Start der Gesamtausgabe bei Splitter ab Januar 2017 abzuwarten.

Im Sci-Fi Genre bleiben wir doch gleich im Hause Splitter. Da fällt mir zunächst auf und mir Der Incal um den Helden wider Willen, John Difool, ein.

Ein ganz besonderes Werk stellen die Meta Barone um die Kaste ultimativer Krieger dar, die ihren Vater als Vorgänger ablösen, indem sie ihn umbringen. Beide Serien stammen aus der Feder von Alejandro Jodorowsky. Der Incal wurde übrigens von Moebius gezeichnet.

Wieder einmal gilt, dass ich diese Serien gerne hier auf dem Blog vorstellen möchte und auch werde. Und wieder gilt, dass ich hierfür irgendwie die Herren der Zeit besiegen müsste. Gerade bei den Meta Baronen präsiert’s a bisserl, weil hier schon Band # 1 der 8-teiligen Folgeserie (natürlich im Hause Splitter) erschienen ist.

Der Klassiker aus dem Hause Splitter schlechthin ist natürlich Storm, der auch bei Gründung von Splitter die Initialzündung darstellte. Genau dies hat dann bei Panini mit Trigan mit der zweiten großen Don Lawrence Serie bei Start des Panini Alben Programms noch einmal mustergültig funktioniert.

Was die Klassiker betrifft, sehe ich die zurzeit interessanteste Entwicklung bei den Superhelden. In 2008 musste Panini leider Spider-Man Komplett mangels Verkaufszahlen, die solch ein Liebhaberprojekt tragen müssen, einstellen. Der Tenor war seinerzeit, dass mit klassischem Material bei den Superhelden kein Geld zu verdienen, sondern nur zu verbrennen ist. Mittlerweile mischt aber Panini in homöopathischen Dosen recht geschickt immer wieder klassische Titel bzw. Stories ins laufende Programm ein. Hierzu zählen beispielsweise Der Tod von Superman oder Killing Joke aus dem Hause DC oder bei Marvel Die Klon-Saga und zuletzt Maximum Carnage. Gerade bei meinem Lieblingshelden Spider-Man fallen mir noch etliche Stories ein, die ich gerne neu veröffentlicht sehen würde. Da wäre beispielsweise Der Tod von Captain Jean de Wolff oder auch der Tod von Harry Osborn als Green Goblin Nachfolger seines Vaters. Auch die Phoenix Saga ist als außergewöhnliche Story der X-Men neu erschienen. Ich hoffe, dass Panini diese Titel gewinnbringend veröffentlichen kann, denn bei allen Resets der Superhelden Universen beider großer Verlage haben die ollen Kamellen noch jede Menge Charme sowie Unterhaltung zu versprühen. Und bei allen Resets merkt man weiterhin als Leser der aktuellen Stories, dass sich die gegenwärtigen Autoren doch gerne hin und wieder an die Klassiker anlehnen.

Der Klassiker des Superheldengenres schlechthin ist und bleibt The Watchmen von Alan Moore.

Aus dem Hause Vertigo, das einmal Klassiker am laufenden Band produziert hat, sind noch DMZ, Fables und natürlich Sandman von Neil Gaiman zu erwähnen.

Fehlen darf hier keineswegs Tim und Struppi von Hergè. Der Journalist, Tim, der eigentlich nie beim Schreiben eines Artikels zu beobachten ist, löst so manches Rätsel. Oft wird diese Serie als ein Comic für Kids abgestempelt. Natürlich kann man diese Serie auch so lesen, aber am Ende des Tages wäre sie so deutlich unterrepräsentiert. Hier gibt es viele politische Anspielungen, die auch heute nach wie vor oder gar mehr denn je aktuell sind. Diese Serie ist in gleich mehreren unterschiedlichen Ausgaben bei Carlsen Comics erschienen.

Abschließen möchte ich meine beispielhafte Aufzählung einiger Klassiker mit Corto Maltese – einer Serie, die sich eigentlich keinem Genre so recht zuordnen lassen will. Der Kapitän ohne Schiff gerät in seinen Abenteuern immer wieder auf die Seite der Unterdrückten. Aktuell erscheint hier eine Neuauflage bei Schreiber & Leser. Und wer einmal etwas völlig Anderes lesen will, ist hier bestens aufgehoben.

Nicht genug betonen kann ich, dass ich hier nicht den Anspruch auf eine vollständige Aufzählung haben kann. Ich kann mir sogar vorstellen, dass der eine oder andere Leser vor Wut in die Tischkante beißt (Mahlzeit!), weil ich eine Serie nicht erwähnt habe, die er hier aber unbedingt aufgeführt haben möchte. Diejenigen dürfen sich als eingeladen betrachten hier entsprechend zu kommentieren. So komme ich vielleicht auch noch auf den Geschmack neuen Lesefutters.

Mir ist es besonders wichtig darauf hinzuweisen, dass Material von heute die Klassiker von morgen sind. Zeug dazu hat u.a. die Superhelden Interpretation David Bollers von Wilhelm Tell, dessen Abschlussband noch erscheinen wird, und bestimmt auch sein klassischer Tell, der wohl noch in diesem Jahr erscheinen wird. Gerade hierauf bin ich heiß wie Frittenfett.

Ähnliches gilt aber auch für Im Schatten des Krieges von Sarah Glidden, das im Oktober bei Reprodukt erscheinen wird.

Was ich hoffentlich plausibel als Botschaft transportiert habe, trotz der Vielfalt auch an guten Neuerscheinungen brauchen wir die Klassiker vergangener Tage. Sie sind nicht nur Oldies but Goldies, sondern helfen uns auch zu verstehen, wie sich Comics im Laufe der Jahre entwickelt und verändert haben. Will sagen, dass diese Klassiker auch meist Meilensteine verkörpern.

Als Musikgruß kann es heute natürlich auch nur einen Klassiker geben. Viel Spaß mit dem Lied, das mich auch heute noch manchmal aus den Augen schwitzen lässt, wenn’s unverhofft ertönt: Bohemian Rhapsody von Queen!

Als Lesetipp kann es natürlich nur einen der zuvor erwähnten Klassiker geben und zwar Spider-Man. Maximum Carnage, Teil # 1 und Teil # 2.

Die nächste isoundwords erscheint am 30. September und wird den Titel: „Die eine über Spider-Man und mich“ tragen.

Bis dahin: Lest mehr Comics!

Das war für heute isoundwords.

 

 

 

 

 

 

8 Gedanken zu “isoundwords # 36: Die eine über die Notwendigkeit von Klassikern

  1. „Der Klassiker aus dem Hause Splitter schlechthin ist natürlich Storm, auch bei Gründung von Splitter die Initialzündung darstellte.“
    Das haben Sie in der Kolumne zum 10-jährigen Splitter-Jubiläum auch schon geschrieben. Darf ich fragen, wie Sie das meinen, bzw. begründen?

    • Mit dem Gesamtpaket „Storm“ hat der Splitter Verlag erstmals eindrucksvoll untermauert, dass sie tatsächlich den Anspruch haben, die Nr. 1 auf dem deutschen Albenmarkt zu werden. Mit Gesamtpaket meine ich das überaus informative Zusatzmaterial, die Tatsache, dass man Originalseiten gefunden hat, die als verloren galten, die Restaurierung einiger Originalseiten, die Verpflichtung, den Titel monatlich zu veröffentlichen und sich so selbst relativ lang mit einem Programmplatz zu binden sowie als Schmankerl die Dreingabe eines Drucks.

      • An der Bedeutung des Titels STORM für den Splitter-Verlag und letztlich für die Leser habe ich nicht den geringsten Zweifel. Natürlich ist das ein Meilenstein. Meine Frage beantwortet das leider nicht. Um es präziser auszudrücken: Ich war überrascht über den Begriff „Initialzündung“ und den Bezug des Titels auf die Gründung des Verlages. In der Kolumne zu 10 Jahren Splitter waren Sie der Ansicht:

        „Splitter castet seine Titel mit einer gewissen Janusköpfigkeit, d.h. man sucht und findet neue Titel, aber veröffentlicht auch Klassiker. Nicht umsonst war auch vor 10 Jahren die Veröffentlichung des Klassikers Storm die Initialzündung für Splitter. In dieser Form, also mit teilweise sensationellem Zusatzmaterial, einem Druck und auch in dieser hohen Qualität hatte der deutsche Markt Storm noch nicht gesehen. Ferner konnte man natürlich auch Neuleser, und da schließe ich mich gerne mit ein, gewinnen.“

        Den Teil mit dem Zusatzmaterial und der Aufmachung haben Sie dort ja auch schon geschildert. Aber wie ist STORM als Initialzündung des Verlages zu verstehen? Da wäre ich für eine nähere Erklärung sehr dankbar.

  2. Eigentlich ist die Frage schon beantwortet, aber sei’s drum. Fahre ich halt nochmal einen anderen Erklärungsansatz. Splitter hat schon bei Verlagsgründung angekündigt, ein großer Verlag werden zu wollen. Mit dem zuvor beschriebenen Gesamtpaket Storm hat Splitter dies erstmals eindrucksvoll begründet. Der Rest ist Geschichte. Splitter ist heute und schon längst Marktführer im Albensegment.

  3. Ich bin nicht der Ansicht, dass Sie meine Frage beantwortet haben. Sie geben die selbe Antwort nochmal, nur anders angeordnet und mit den selben Worten. Das verstehe ich nicht als „anderen Erklärungsansatz“. Ich könnte nun wieder spekulieren, warum Sie meine Frage nicht beantworten, aber Sie haben deutlich gemacht, dass sie das nicht mögen. Deswegen noch einmal ohne den ganzen Kontext, den ich sicherheitshalber mitgeliefert habe, da Sie mir immer wieder unterstellen, etwas aus selbigen zu reißen: „Nicht umsonst war auch vor 10 Jahren die Veröffentlichung des Klassikers Storm die Initialzündung für Splitter.“
    Meine Frage dazu: Warum war STORM bereits vor 10 Jahren die Initialzündung für den Splitter-Verlag? Konkreter: Stand bereits vor der Gründung fest, dass Splitter diese Reihe bringen wird? Darauf stützen sie zumindest ihren Vergleich mit Panini und TRIGAN im Anschluss an den oben komplett zitierten Abschnitt: „Kurioser- und doch auch wieder konsequenterweise ist Trigan, eine weitere Don Lawrence Serie, wiederum die Initialzündung für das Panini Albenprogramm, aber dazu vielleicht mal an anderer Stelle mehr.“

  4. Ich stütze das in erster Linie darauf, dass die Splitter von Anfang an deutlich gemacht haben, dass der Splitter Verlag zu einem großen Verlag wachsen soll. STORM war der Quantensprung dahin und somit die Initialzündung, diese Ankündigung umzusetzen.

  5. Ja, dass STORM der Titel war, der einen gewissen Meilenstein symbolisierte, verstehe ich auch nach dem dritten Mal. Ihre Aussage im Beitrag liest sich jedoch so, dass bereits vor oder mit der Gründung feststand, dass STORM dieser Quantensprung sein wird. War das so?

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