isoundwords # 37: Die Eine über Spider-Man und mich

Als ich diese Kolumne schreibe, bin ich unsicher wie selten zuvor, wie ich diese Kolumne einleiten soll. Manchmal muss ich an dieser Stelle wirklich hart nach einem Thema suchen, manchmal weiß ich nicht, welchem Thema ich den Vorrang geben soll. Auf diesen Monat trifft definitiv Letzteres zu.

Zunächst möchte ich mich aufrichtig dafür entschuldigen, dass die isoundwords im September ausgefallen ist. Grund hierfür war, dass meine Familie krank war und ich die Krankenschwester geben durfte. Bis sich alles wieder eingeschliffen hatte, war es sinnfrei, die Kolumne noch einzuschieben.

Dann musste ich lesen, dass Steve Dillon kürzlich im Alter von nur 54 Jahren viel zu jung verstorben ist. Sein Strich war zugegeben nicht so sehr mein Ding. Manchmal ist es dann vorteilhaft, wenn man Leute hat, mit denen man sich austauschen kann. So öffnete mir ein Bekannter die Augen für die Brillanz in seinem Artwork, die im Storytelling selbst und in der Gabe lag, seinen Charakteren Emotionen jeder Art in die Mimik und in die Körpersprache zu zaubern. Und das ist doch eigentlich auch wichtiger als der Strich selbst, der am Ende des Tages immer Geschmacksache bleiben wird.

Schließlich komme auch ich nicht an den „Evil Clowns“ vorbei, die Passanten im Clownskostüm vor dem Hintergrund von Halloween erschrecken, wobei es bereits zu einigen unangenehmen Begegnungen gekommen ist. Ich denke, dass dies mittlerweile nicht mehr witzig ist und die Clowns sollten ihr „Gruselkostüm“ schnellstens an den Nagel hängen.

Doch nun zum eigentlichen Thema:

Von Zeit zu Zeit werde ich nach meinem Lieblingscomiccharakter gefragt. Meine Antwort ist spontan und wohl auch wenig spektakulär. Es ist Spider-Man. Ich habe immer den Mix aus Soap und Superheldenstory geschätzt. Hinzu kommt, dass Spider-Man sowohl als Held, als auch Peter Parker als Privatperson immer den typischen Außenseiter verkörperte. Manchmal kommt es mir vor, als habe sich Stan Lee hier von Charlie Chaplins Rolle als Tramp inspirieren lassen. Vielleicht geht diese Interpretation auch etwas zu weit. Doch gerade in den alten Stories war es schließlich immer so, dass Spider-Man bzw. Peter auch nach einem im Grunde bedeutenden Sieg einsam zurückblieb. Das änderte sich erst später, als bedeutende Nebencharaktere wie Gwen Stacy, Mary-Jane Watson oder auch Harry Osborn eingeführt wurden. Darüber hinaus erhielt auch ein Flash Thompson mehr und mehr Tiefe und damit auch an ein Mehr an Bedeutung als zu Anfang der Serie, als er lediglich die Plage Peters verkörperte.

Und wenn wir schon vom Anfang, der bekanntlich schwer sein kann, sprechen:  Stan Lee hatte ein Konzept über Spider-Man bereits über eine längere Zeit in der Schublade, aber sein Herausgeber, Martin Goodman, konnte mit dem hageren und chronisch pleiten Außenseiter und jugendlichen Superhelden nichts anfangen. Da aber die an sich erfolglose Serie Amazing Fantasy mit der Ausgabe # 15 eingestellt werden sollte, stimmte Goodman zu, dass hierin die Spider-Man Story veröffentlicht werden durfte. Monate später – man merke, wir sind noch Lichtjahre von elektronischen Auswertungen von Verkaufszahlen entfernt – stellte sich heraus, dass sich ausgerechnet die # 15 ordentlich verkauft hatte. Als Schlüssel zum Erfolg wurde schnell „Spider-Man“ analysiert. Goodman blieb dennoch für eine gewisse Zeit misstrauisch und stimmte zunächst lediglich einer zweimonatlichen Veröffnungsweise zu. Ich denke, der Rest ist längst Geschichte und braucht an dieser Stelle nicht vertieft zu werden.

Wie ich schon in einer älteren isoundwords über meine Comic Origin erzählt habe, bin ich über meinen Cousin mit Superheldencomics in Kontakt gekommen. Irgendwann war dann auch mal ein Spider-Man dabei, und ich merkte rasch, dass dies genau mein Ding war. Mit einer Pause von fast 20 Jahren, in denen ich keine oder nur sehr, sehr wenige Comics las, bin ich Spider-Man Fan bis heute geblieben. Dabei hat es durchaus Highlights gegeben. Diese hier aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Kolumne sprengen. Ich beschränke mich mal auf die ersten Kämpfe zwischen Spider-Man und Doctor Octopus, dem Rätsel und die Identität des Green Goblin samt seiner Enthüllung bishin zum Tod von Gwen Stacy und dem vermeintlichen Tod von Norman Osborn aka Green Goblin. Für mich war damit übrigens die Story um Spider-Man erzählt und manchmal glaube ich auch heute noch, dass ich gar nicht so falsch damit lag, auch wenn noch hinreißende Stories und Arcs folgen sollten. Vieles baute aber doch sehr auf dem Parker/Osborn Konflikt auf und hatte bisweilen was von Wiederkäuen, was schließlich zur unrühmlichen Auflösung der Klon Saga mit Osborn als „mind behind“ führte, was doch sehr konstruiert wirkte.

Doch das war noch harmlos gegen das, was John Byrne und Howard Mackie Spider-Man antaten. Mit scheinbar großer Lust an Selbstzerstörung fuhren sie die Serie wie den Charakter mit einer seltsamen Obsession an die Wand. Ich hatte damals schon fast körperliche Schmerzen, wenn ich ein neues Spider-Man Heft aufblätterte. Ich würde das mit der heutigen Situation vergleichen. Dan Slott hat sich zweifelsohne große Verdienste um Spider-Man erworben, aber was er zurzeit abliefert, ist ein künstlerischer Offenbarungseid. Seine einzige akzeptable Entschuldigung wäre, dass er hier verlegerisch falsch gesteuert wird. Ansonsten ist der aktuelle Arc schlichtweg kein Spider-Man Run und das wäre dann auch noch das beste, was ich darüber sagen könnte. Peter Parker ist stinkreich und Chef eines Multi-Konzerns. Er hält Präsentationen, als habe er sein ganzes Leben nichts Anderes gemacht. Jaja, ich weiß. Ein Autor hat durchaus das Recht, einen Charakter weiter zu entwickeln und im Rahmen dieser Entwicklung, ihn auch einmal von einer anderen Seite zu beleuchten. Das bedeutet nun aber auch nicht, dass er ihn völlig auf links krempeln darf. Für mich geschieht dies zurzeit, auch wenn Peter mit dem verdienten Geld Gutes tut und sogar das Baxter Building für die Rückkehr der Fantastic Four gekauft und so gleichzeitig reserviert hat.

Ich vergleiche mein Verhältnis zu Spider-Man mit dem Verhältnis, das man vielleicht zu seinem Lieblingsfußballverein hat. Ein wahrer Fan bleibt auch schon mal bei einer Niederlagenserie treu, auch wenn er das alles kritisch sieht. Oder um es für Nichtfußballer transparent zu machen: Ich schaue parallel ene BBC Dokumentation über Queen. Da fällt gerade der bemerkenswerte und so wahre Satz: „You can’t be a massive rock band without having arguements.“ Queen hatte intern oft Zoff und doch ist daraus meist etwas Großes entstanden. Vielleicht mangelt es Slott derzeit an einem vergleichbaren kreativen Boost, um wieder lesbare Spider-Man Stories zu schreiben. Ich hoffe, dass demnächst ein Autor wieder verantwortungsvoll mit Spider-Man umgeht. Wegen mir kann das auch ruhig wieder  bzw. weiterhin Slott sein.

Vergleichen kann man die aktuelle Situation mit der, als J. Michael Straczynski das Ruder von den weiter oben schon genannten John Byrne und Howard Mackie übernahm. Er hat damals Spider-Man aus dem kreativen Koma geholt und gemeinsam mit John Romita, jr. über 8 Jahre lang zu unglaublichen Höhen geführt, bis der von Joe Quesada inszenierte Brandnew Day und damit der Spider-Man Neustart kam. Trotz einiger wirklich guter Stories dreht sich Spider-Man seitdem in einer konsequenten Abwärtsspirale nach unten.

Und nochmals nein, ich werde Spider-Man deswegen längst nicht den Rücken kehren. Für mich ist und war er der zentrale Superheldencharakter im Marvel Universum. Will sagen, wäre ich bei Spider-Man draußen, bräuchte ich die anderen Superhelden auch nicht mehr lesen. Und genau davon bin ich noch sehr, sehr weit entfernt.

Ihr seht also, Spider-Man und ich ist ein Verhältnis mit viel Auf und Ab, wobei das „Auf“ nach wie vor deutlich überwiegt.

Als Musikgruß gibt es heute in Anspielung auf die Einleitung ein Lied mit „evil Clowns“. Viel Spaß mit Pink und Funhouse.

Als Lesetipp gibt es mit den Chrononauts puren Lesespaß gegen die trüben Herbsttage.

Die nächste isoundwords erscheint am 25.11.2016 und wird den Titel: „Die Eine über Geschenketipps zu Weihnachten 2016“ tragen.

Bis dahin: Lest mehr Comics!

 

 

 

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