Fahrradmod

 Tobi wächst in Wesel auf. Dies erscheint neutral betrachtet ein tragbares Schicksal zu sein, aber für ihn als Jugendlichen gestaltet sich dies als schwierig. Der Bekanntheitsgrad seiner Heimatstadt begründet sich zunächst auf den typischen Echo Reim (wie heißt der Bürgermeister von Wesel?..). Dann handelt es sich um eine Stadt, die nach dem Krieg viel zu schnell gewachsen ist und darüber hinaus jede Bausünde der 70er und 80er Jahre begangen hat. Die Stadt lädt also zur Flucht und weniger zum Verbleib ein.

Tobi definiert sich weitgehend über die Musik, die er hört und wird so zum Bestandteil der Mod Szene. Die Mod Szene selbst dürfen wir uns als eine Form der Subkultur vorstellen. Es gehört zum roten Faden der vorliegenden Graphic Novel, dass es immer wieder zu Aufeinandertreffen mit Skinheads und Scooterboys kommt. Auch rechtsextreme Einflüsse in die Skinheadszene spielen eine Rolle. Dahmen zeigt auf, wie sehr eine Szene jemanden prägen kann – im Guten wie im weniger Guten. Immer wieder besucht er Konzerte oder feiert einfach mal mit Freunden ein Wochenende meist in anderen Städten durch. Dabei wird deutlich, wie sehr Musik unser Leben prägen kann. Gleichzeitig dürfen wir uns die Frage stellen, ob wir uns anders entwickelt hätten, ja sogar andere Menschen geworden wären, wenn wir andere Musik gehört hätten.  Natürlich spielt Musik nicht zwingend bei jedem eine so große Rolle im Leben wie bei Tobi Dahmen. Doch so erklärt sich auch die Rahmenhandlung. Auf der Rückfahrt von einem dieser „Weekender“ mit zu viel Alkohol, zu wenig Schlaf und definitiv guter Musik geht Tobi der Saft am iPod aus. Er greift also ins Handschuhfach und findet eine Kassette, die allein schon als Relikt längst vergangener Zeiten anmutet, und erinnert sich an die Zeit, als diese Musik aktuell war.

Typisch für den Comic, der das wirkliche Leben nacherzählt, sind die wechselnden Stimmungen. Wir erleben nachdenkliche, traurige und aberwitzige Momente. Wir sehen, wie Freundschaften entstehen und wieder brechen. Unterschiedliche Charaktere entwickeln sich eben unterschiedlich. Schmunzeln musste ich als einer von Tobis Freunden, sich aus der Mod Szene verabschiedet, indem er ein Westernhagen Konzert besucht.

Schließlich kommt Tobi zuhause an und sieht zuerst nach den schlafenden Kindern. Ins Bett kann er aber noch nicht gehen, obwohl er eigentlich müde ist. Er möchte zunächst noch ein wenig Musik hören.

Man muss als Leser nicht zwingend der „Dahmen Generation“ angehören, um von seinem Fahrradmod begeistert zu sein. Jeder von uns hat diese Zeit auf die eine oder andere Weise durchlebt, seine Identität gesucht und hoffentlich auch gefunden. Daher sind gerade die Momente, in denen man mit Tobi mitfühlt, die Leseerlebnisse, die besonders intensiv sind.

Der Fahrradmod entstand ursprünglich als Webcomic. Eine Eigentümlichkeit von Webcomics ist es, dass sie nicht den traditionellen Erzählformen von Comics folgen. Dies liegt allein schon daran, dass sie „nach und nach“, bisweilen über Jahre, auch in der Interaktion mit seinen Lesern wachsen. Gerade Autobiografien, die auch davon profitieren, dass der Künstler keine Peinlichkeit auslässt und fast schon schonungslos mit sich umgeht, entstehen oft in solch einem Prozess.

Das Artwork ist in schwarz-weiß mit Graustufen gehalten. Panels, die sich fast ausschließlich auf die Charaktere konzentrieren, stehen in einem Wechsel mit Panels, die detaillierte Hintergründe aufweisen. Diese Hintergründe bestimmen oft die Atmosphäre. So führt Tobi uns immer wieder mit Panels über 2 Seiten auf eine Fete. So können wir uns den Überblick verschaffen, den sich jeder verschafft, wenn er einen solchen Raum betritt.

Der Fahrradmod ist folglich Lektüre für jeden Comic Fan und zwar unabhängig davon, ob er ein Musik Freak ist und welche Musik er hört.

Beim Schreiben dieser Rezension höre ich übrigens das Album Queen II und damit einen nicht unwesentlichen Bestandteil des Soundtracks meines Lebens. Doch das wäre eine völlig andere Geschichte (oder doch nicht?).

2 Gedanken zu “Fahrradmod

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